Nichts haßt er mehr als Gewißheit. Die Wahrheit kann man nur suchen, nie finden, sagt er, und hastet im Stechschritt durch die Welt, angespannt, hager, auf dem Sprung. Immer krümmt sich der Zweimetermann ein wenig nach vorne, kauernd, voller Ungeduld. Selbst der kurze Plausch ist ihm lästig, er mag es schnörkellos, in kurzen Sätzen, und die einzige Lust, die man ihm anspürt, ist die am Widerspruch - sie hat ihn berühmt gemacht. Nur zu gerne läßt er ein paar Gedanken hageln, stichelt gegen die Gemütlichkeit der alten Zentren und schwärmt von einer Stadt ohne Eigenschaften, dem Tankstellen-, Lager- und Bürokistengewürfel der Vorstädte, das doch viel lebendiger sei, als wir immer meinen. Er liebt es, unsere Denkmuster zu verwirren: Rem Koolhaas ist der größte Feuerkopf unter den Architekten. Eine geschmähte, hochgeschätzte Kultfigur, für viele der Prophet des Anderen.

Wie baut so jemand, der sich auf nichts verlassen will? Er mag die Übergänge, das Vage, den Freiraum. Doch gibt es dafür Formen? Nur selten findet sich ein Bauherr, der den Mut zu dieser Frage aufbringt. In den 25 Jahren, die es sein Office for Metropolitan Architecture (OMA) mittlerweile gibt, entstanden ein Dutzend Gebäude, das Tanztheater in Den Haag, die Kunsthalle für Rotterdam, ein Kongreßzentrum in Lille, viel mehr nicht. Wohl auch, weil seine Bauten sperrig sind, sie verweigern die große Geste.

Koolhaas läßt seine Formen nicht explodieren wie eine Zaha Hadid, ihn interessiert auch nicht das Funkeln eines Frank O. Gehry. Für "das intellektuelle Genie der Gegenwartsarchitektur" (Philip Johnson) zählt das Leben im Inneren: der Raum, den er immer neu erfindet, verknüpft, schichtet, weitet und durchdringt. Damit sich hier, so hofft er, die Gemeinschaft wieder als Gemeinschaft erfahren kann. Er ist ein Meister der Montage, wie kein zweiter entfaltet er ein fulminantes Programm der Kontraste, selbst auf engster Fläche. Wie zum Beispiel in Bordeaux, wo er jüngst eine Villa baute.

Eine eher kleine Aufgabe, sollte man meinen, für einen großen Avantgardisten, der sonst lieber ganze Kontinente ins Visier nimmt oder von Hochhaustürmen für mehrere zehntausend Menschen phantasiert. Doch machte er aus dem Kleinen etwas Riesengroßes: Das "beste Haus aller Zeiten", schwärmte das englische Magazin Blueprint.

Wer dieses beste Haus besucht, fährt aus Bordeaux hinaus, auf eine Hügelkette, durchquert einen alten Park und steht plötzlich vor einem Stückchen Industriestadt: Zumindest sieht der braune Kasten, der da in die liebliche Landschaft kragt, aus wie eine verrostete Apparatur, vor Urzeiten hier abgestellt. Nur ein mächtiger Zylinder, der den Korpus in die Höhe stemmt, blinkt hell metallen - als wäre da doch noch Leben, als könnte diese Wohnmaschine gleich anfangen, zu schnauben und zu fauchen. Und tatsächlich: Wer dieses Haus betritt, gerät in ein Auf und Ab, Vor und Zurück, erlebt Licht und Geborgenheit. Es bewegt sich und seine Bewohner, denn die sind darauf angewiesen.

Lange hatte das Paar, das hier mit seinen drei fast erwachsenen Kindern lebt, ein Anwesen mitten in Bordeaux bewohnt - bis ein Autounfall den Mann zum Rollstuhlfahrer machte. Jede Treppe, jede Schwelle ist für ihn heute eine Grenze. Und deshalb entwarf ihm Koolhaas (für umgerechnet über 3,5 Millionen Mark) ein Haus, das fließt, in dem sich nichts trennt und das doch voller Unterschiede steckt.

Das Erdgeschoß ist halb in den Hügel hineingetrieben, nur auf der einen Seite gibt es Fenster, und durch diese blickt man in einen kleinen, streng begrenzten Vorhof. Die Küche, der Eßtisch und eine Fernsehkuschelecke liegen in der unteren Sphäre, die nicht düster ist, doch geduckt. Im Geschoß darüber weicht die Enge der Weite, alle Wände sind aus Glas, und wenn man sie zur Seite schiebt, werden Wohnzimmer und Landschaft eins. Man kann hinaustreten auf die Wiese oder auf die Terrasse, aus weiter Ferne leuchten Bordeaux und die Gironde.