Im Personenregister der Freud-Biographie, die Ernest Jones nach dem Zweiten Weltkrieg publizierte, taucht der Name nur ein einziges Mal auf: Otto Fenichel. Ein Mann ohne Bedeutung für die Psychoanalyse also?

Es scheint so. Und dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn man bei Jones an der bezeichneten Stelle im Haupttext nachschlägt. Denn hier findet man den im Register genannten Namen Fenichel kein einziges Mal.

Dieses Schweigen, diese Lücke sind beredt. In den fünfziger Jahren, als Jones seine als Freud-Biographie getarnte Heroengeschichte der psychoanalytischen Bewegung publizierte, kontrollierte McCarthy's Geist den freien Westen - und das kollektive Gedächtnis der Psychoanalytiker gleich mit. Darum war es nicht opportun, an einen Mann zu erinnern, der sich in den dreißiger und vierziger Jahren als Linksfreudianer einen Namen gemacht hatte.

Inzwischen ist Fenichel als Verfasser einer dreibändigen psychoanalytischen Neurosenlehre und als Autor brillanter klinischer Abhandlungen (wieder) bekannt. Doch Fenichel, der marxistische Freudianer, der vorschlug, die Psychoanalyse als Keim einer künftigen dialektisch-materialistischen Psychologie zu begreifen - gab es ihn jemals?

Offenbar hat es ihn gegeben - denn sonst gäbe es die Rundbriefe nicht, die Janis Osolin auf Anregung von KD Wolff in sechs verschiedenen Archiven der USA zusammengesucht hat. Herausgegeben von Elke Mühlleitner und Johannes Reichmayr, legen die Rundbriefe Zeugnis ab vom Widerstandsgeist einer kleinen Gruppe Freudianer, die unter Führung von Fenichel der nationalsozialistischen Verfolgung getrotzt haben.

Wer war dieser Otto Fenichel, der schon als 22jähriger Medizinstudent an der Wiener Universität auf sich aufmerksam machte? Auf einem Flugblatt ließ er seine Kommilitonen damals wissen: "Ich gedenke, im Rahmen des akad. Vereins jüdischer Mediziner ein Seminar für Sexuologie zu eröffnen ... Ich wende mich an alle diejenigen Kollegen und Kolleginnen, die gewillt sind, eine der schwersten Lücken des medizinischen Lehrplanes durch eigene Initiative auszufüllen. Wer Lust, Zeit und genügendes Interesse für den Gegenstand hat (gewisse Fundamentalkenntnisse müssen natürlich vorausgesetzt werden), wird willkommen sein ..."

1920, mit 23 Jahren, wurde Fenichel Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Zwei Jahre später zog er nach Berlin, wo Freuds Lehre ihre zweite Heimat gefunden hatte. Hier gründete er (gemeinsam mit Schultz-Hencke) das "Kinderseminar", in dem eine jüngere Generation von Psychoanalytikern frei von alten Dogmen über theoretische, klinische und gesellschaftspolitische Themen diskutieren konnte. Aus diesem Kreis ging Anfang der dreißiger Jahre die informelle Gruppe sozialistisch orientierter Psychoanalytiker hervor, der wir die Rundbriefe verdanken. In einem 1940 aus Los Angeles verschickten Brief blickte Fenichel auf diese Zeit vor Hitlers Machtantritt wehmütig zurück: