Amerika, du hast es besser. Während in Deutschland die Euphorie der Börsianer über die Kapitulation von Oskar Lafontaine rasch verflogen ist und der Deutsche Aktienindex (Dax) mehr als 20 Prozent unter seinem Rekordstand vom vergangenen Sommer liegt, jagt das wichtigste Börsenbarometer der Welt, der Dow-Jones-Index, von einer Höchstmarke zur nächsten. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten boomt, daß sich selbst Optimisten verwundert die Augen reiben. Die Wall Street dankt es mit Rekordkursen, die noch vor kurzem magische Hürde von 10 000 Punkten ward zur Mitte der Woche übersprungen. Seit Beginn der neunziger Jahre haben sich die Kurse im Durchschnitt fast vervierfacht. Ein solcher Aufschwung ist in der Wirtschaftsgeschichte eines modernen Industrielandes fast ohne Beispiel.

Und doch, vielen Kontinentaleuropäern ist die amerikanische Erfolgsstory weiterhin suspekt. Entfesselter Kapitalismus, bestenfalls Turbokapitalismus, lautet ihr Urteil über die angelsächsische Variante der Marktwirtschaft. Die Verfechter eines Wohlfahrtsstaates alter Prägung - in Deutschland nicht allein die Mehrheit der deutschen Sozialdemokraten - wittern da immer noch eine sozial kalte Ellenbogengesellschaft, die nur wenige Reiche privilegiert.

Unbestreitbar sind die - zum Teil hohen - sozialen Kosten des American way of doing business. Doch auch Europäer, die das Ausmaß an Armut und Kriminalität immer wieder erschreckt, kommen an einer Erkenntnis nicht vorbei: Zumindest bisher hat sich das US-Modell im Zeitalter zunehmender internationaler Arbeitsteilung bewährt. Und gerade der amerikanische Börsenboom belegt, daß nicht nur eine elitäre Oberschicht daraus materiellen Nutzen zieht. Im Gegenteil. Fast jeder zweite Amerikaner ist heute direkt oder indirekt an Aktien, also am Produktivkapital, beteiligt; die dortige Mittelschicht partizipiert unmittelbar am riesigen Vermögenszuwachs. Kurzum, zwischen Ostund Westküste entsteht ein wahrer Volkskapitalismus.

In Deutschland dagegen sind Gewerkschaftsführer wie IG-Metall-Chef Klaus Zwickel stolz darauf, daß sie Arbeitnehmer auf ihre traditionelle Rolle als Gehalts- und Lohnempfänger reduzieren. Selbst kleine Ansätze einer erfolgsabhängigen Entlohnung gelten als Teufelszeug. Daß sich Zwickel und Co im gleichen Atemzug über die explodierenden Konzerngewinne empören, ist - vornehm formuliert - erstaunlich. Dabei liegt die Lösung auf der Hand. Wenn Gewinne und Dividenden in die Höhe schnellen, die Reallöhne dagegen über Jahre hinweg stagnieren, dann ist das Modell der sozialen Marktwirtschaft in der Tat bedroht. Wer es bewahren und einen halbwegs gerechten Ausgleich zwischen Arbeitern und Kapitalisten schaffen will, der muß endlich mehr Mitarbeiter zu Mitunternehmern machen.

Sicherlich, in der Bundesrepublik ist die Aktienkultur trotz rasanter Fortschritte noch vergleichsweise unterentwickelt. In einer Volkswirtschaft, deren Rückgrat unverändert mittelständische Betriebe bilden, kann nur ein kleiner Teil der Beschäftigten per Aktie an seinem Unternehmen beteiligt werden. Gerade in kleineren Betrieben gibt es häufig enorme Probleme, faire und transparente Ausschüttungsmodelle zu vereinbaren. Da rutschen der Maler oder die Friseuse im Angestelltenverhältnis ohne kompetente Hilfe eines Betriebsrats allzu schnell in die Rolle von Almosenempfängern, denen nach Gutsherrenart ein möglicherweise dürftiger Obolus zuerkannt wird.

All diese Einwände sprechen dennoch keineswegs für den Status quo. Hunderte Betriebe haben - oftmals mit Hilfe innovativer Landespolitiker - ihre eigenen Modelle entwickelt. Die meisten funktionieren. Nichts spricht dagegen, daß ein beachtlicher Teil der rund 30,5 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland solchen Vorbildern nacheifert.

Dazu gehört ein wenig Mut zum Risiko. Niemand kann den Beschäftigten verübeln, daß sie nicht alles auf eine Karte setzen wollen: Wenn die Firma pleite geht, will keiner neben dem Job auch noch das mühsam Ersparte verlieren. Aber auch in diesem Punkt sind vernünftige Lösungen mitnichten unmöglich, wie die Praxis heute schon belegt. Und auch Fondsmodelle können renditezehrende Gefahren durchaus minimieren.