Früher wurde die Nachgeburt achtlos weggeworfen, heute weckt sie die Begierden von Patienten, Ärzten und Blutbanken: In jeder Placenta steckt ein Zehntel Liter Babyblut, und das kann lebensrettend sein: für ein krebskrankes anderes Kind, das dringend einer Knochenmarktransplantation bedarf, aber keinen passenden Spender findet. Im vergangenen November hatte der New Yorker Immunologe Pablo Rubinstein den aufsehenerregenden Befund veröffentlicht, daß Kinder ohne passenden Knochenmarkspender oft erstaunlich gut mit Nabelschnurblut zu retten sind. Das gelang sogar dann, wenn die Gewebemerkmale von Spender und Empfänger nur teilweise übereinstimmten.

Die erstaunliche Heilkraft des Placenta- und Nabelschnurblutes beruht auf den in ihm enthaltenen Stammzellen. Diese Zellen können alle wichtigen Bestandteile des Blutes und Immunsystems bilden. Sie entstehen in der Leber des Fetus und wandern vor der Geburt über die Blutbahn in die Knochen. Anders als die aus dem Knochenmark erwachsener Spender entnommenen Stammzellen sind die Zellen aus dem Nabelschnurblut offenbar immunologisch unreif und passen sich dem Empfänger an.

Kein Wunder also, daß nun das Blut aus Placenten gesammelt wird. Man hält den Mutterkuchen hoch und zapft die Vene der abgeklemmten Nabelschnur an - dann rinnen etwa 120 Milliliter Blut heraus. Private Blutbanken empfehlen besorgten Eltern, den Supersaft als Reserve für eine mögliche spätere Erkrankung ihres Kindes tiefgefrieren zu lassen - natürlich gegen Gebühr. In den USA wurden schon Zehntausende solcher Verträge abgeschlossen. Auch deutsche Anbieter haben die Marktchance erkannt: 360 Mark im Jahr und einmalig 220 Mark Transportkosten verlangt etwa die Firma Vita 34 in Leipzig für die tiefgekühlte Lagerung.

Fachleute wie Axel Zander, Arzt am Universitätskrankenhaus Eppendorf in Hamburg, oder Wolfgang Knauf vom Universitätsklinikum Benjamin Franklin der FU Berlin dämpfen jedoch die aus den Vereinigten Staaten herüberschwappende Stammzell-Euphorie und halten private Konservierung für verfehlt. So sollte ein Kind, das etwa an Leukämie leidet, gerade nicht seine eigenen Stammzellen erhalten - denn genau sie könnten Ursprung des Übels sein.

Gegen die Blutkonservierung durch private Banken spricht zudem, daß sich die Hoffnung (noch) nicht erfüllt hat, Stammzellen aus Babyblut könnten später auch den Menschen im Erwachsenenalter heilen. Die Zahl der Stammzellen, die sich aus einer Nachgeburt gewinnen lassen, ist dazu schlicht zu gering. Es gelingt zwar bereits, die Zellen durch Zugabe von Wachstumsfaktoren im Reagenzglas zu vermehren, für die klinische Praxis taugt das Verfahren noch nichts. Bei der Vermehrung reifen die Zellen nämlich teilweise heran und verlieren so ihre medizinisch wertvolle universelle Potenz.

An diesem Wochenende werden beim 25. Europäischen Kongreß Knochenmarktransplantation in Hamburg wie bei der Benjamin Franklin Frühjahrstagung führende Stammzellenforscher in Berlin die jüngsten Erfolge der Transplanteure diskutieren. Denn für die 4000 Menschen, die hierzulande jedes Jahr an Blutkrebs erkranken, gibt es eine weitere Hoffnung: Die schwierige Stammzellvermehrung gelingt im Körper des Menschen. Erwachsenen Knochenmarkspendern wird dazu ein Wachstumsfaktor (G-CSF) verabreicht, der die Blutbildung anregt. Dann zirkulieren plötzlich im Blut des Spenders vermehrt Stammzellen - und diese lassen sich durch eine Blutwäsche (Leukapherese) gewinnen. Das Verfahren erspart dem Spender die Entnahme von Knochenmark unter Vollnarkose. Obendrein ist es billiger. Befürchtungen, der Wachstumsfaktor G-CSF könne Schäden anrichten, haben sich bisher nicht bestätigt.

"Die Spender entscheiden sich zunehmend gegen die Vollnarkose und für die Blutwäsche. Vielerorts ist die Leukapherese bereits die Methode der Wahl", sagt Wolfgang Knauf. Allerdings sind die aus dem Blut von Erwachsenen gewonnenen Stammzellen nicht so anpassungsfähig wie jene von Babys. Daher müssen bei Erwachsenen nach wie vor die Gewebemerkmale von Spender und Empfänger sehr gut zueinanderpassen, sonst attackiert das neu heranwachsende Immunsystem den Empfänger.