Rolf-E. Breuer, Chef der Deutschen Bank, übte sich in Bescheidenheit. Daß der Frankfurter Finanzriese durch die beabsichtigte Übernahme des amerikanischen Geldhauses Bankers Trust zum größten Kreditinstitut der Welt aufsteigt, erfülle ihn nicht mit Stolz, sondern mache ihn eher "verlegen", kokettierte der Vorstandssprecher kürzlich mit seiner Gemütslage.

Jetzt könnte Breuers Verschämtheit ein ebenso rasches wie überraschendes Ende finden. Noch bevor die von ihm geplante Fusion unter Dach und Fach ist, bahnt sich der nächste Wechsel an der Spitze der Rangliste an. Michel Pèbereau, Chef der Banque National de Paris (BNP), will die französischen Großbanken Société Générale und Paribas übernehmen, die selbst erst vor einem Monat ihren Zusammenschluß angekündigt hatten. Sollte der unfreundliche Coup gelingen, würde der neue Konzern mit einer Bilanzsumme von umgerechnet mehr als 1000 Milliarden Dollar die Allianz aus Deutscher Bank und Bankers Trust, die es zusammen auf rund 800 Milliarden Dollar bringen, weit hinter sich lassen.

Pèbereaus Vorstoß ist der vorläufige Höhepunkt einer beispiellosen Fusionswelle im Finanzgewerbe. Allenthalben schließen sich Banken zu immer gigantischeren Gebilden zusammen. Big is beautiful lautet die Losung in den Chefetagen der Geldhäuser. Doch ob das Heil wirklich in der Größe liegt, muß zunehmend in Zweifel gezogen werden. Viele der Zusammenschlüsse lassen nicht nur die versprochenen Vorteile vermissen, sondern gehen eher zu Lasten von Kunden, Anteilseignern und Beschäftigten.

Breuer scheint sich der Problematik bewußt zu sein. Eine große Bilanzsumme sei weder ein Qualitätsmerkmal noch der Ersatz für eine Strategie, räumt der Vorstandssprecher der Deutschen Bank ein. Diese Erkenntnis hinderte ihn freilich nicht daran, das ohnehin schon riesige Frankfurter Geldhaus durch die Angliederung von Bankers Trust noch weiter auszubauen. Klar, daß Breuer eine Strategie zu haben glaubt: Der Einstieg in den amerikanischen Markt soll helfen, den global ausgerichteten Firmenkunden adäquate Finanzdienste anzubieten.

Tatsächlich steht das Geldgewerbe unter einem erheblichen Anpassungsdruck. Das traditionelle Geschäft - Einlagen einsammeln und Kredite vergeben - verliert an Gewicht. Immer mehr Finanztransaktionen laufen über die Kapitalmärkte und damit an den Bankbilanzen vorbei. Unterdessen dringen branchenfremde Anbieter wie Versicherungen oder Supermärkte in die Domänen der Geldhäuser ein - von den Möglichkeiten des Internet ganz zu schweigen.

Bislang reagierten die Banker auf diese Herausforderungen bevorzugt mit dem Zusammenschluß zu größeren Einheiten. Vor allem in Amerika kam es jüngst zu mehreren Megafusionen, etwa zwischen der Nations Bank und der Bank Amerika oder der Citicorp und der Travelersgroup. Auch in Europa sorgten Elefantenhochzeiten zwischen der Schweizer UBS und dem Bankverein oder den Münchner Häusern Hypo- und Vereinsbank für erhebliches Getöse.

Der Euro dürfte diesen Prozeß auf dem alten Kontinent noch verstärken. Die Europäische Zentralbank (EZB) erwartet jedenfalls, daß die Fusionswelle im Geldgewerbe vorerst munter weiterrollt. Diese Einschätzung wird nicht nur durch die aktuellen Ereignisse in Frankreich gestützt. Kurz nach Jahresbeginn hatten bereits die beiden großen spanischen Kreditinstitute Banco Santander und Banco Central Hispanoamericano (BCH) ihre Verlobung bekanntgegeben. Und auch in dem stark fragmentierten italienischen Markt dürfte die gemeinsame europäische Währung einen raschen Konzentrationsprozeß in Gang setzen.