Das Glashäuschen der Omnibus-Endhaltestelle Gewerbegebiet Lehrter Heide nach Dienstende: Wenn das kein Symbol ist für die plötzliche Festgefahrenheit und strähnige Verwirrtheit unserer von Betonpflanzkübeln und elektronischen Kassenschranken normalerweise reibungslos gewesenen Tage. In diesem Glashäuschen ist der jugendliche Held von Joachim Helfers Ich-Roman Cohn & König nach kurzem pikaresken Alleingang gestrandet, barfuß und bar jeder Idee, wie es denn nun weitergehen soll. Mit 26 müßte er von Rechts wegen längst Taxifahrer mit Magisterabschluß sein. Doch außer "Ephebe sein" hat er nix gelernt. Drei Semester Kunstgeschichte an der Sorbonne. "Hier das kühle Säulenbruchstück des Liebestempels, dort die runde Arschbacke des Kriegsgotts" - der Anblick der "schönen Gipsknaben" hat ihm allenfalls klargemacht, daß er im Grunde nichts weiter wünscht, als selber "für alle Ewigkeit so frühlingsblaß wie sie zu bleiben". Nichts fürchtet dieser Florian König mehr als "die Verstoßung aus der Kindheit". Er leidet, falls Freud so etwas erfunden hätte, an einem Alkibiades-Komplex. "Als Prinz, als ergebener jüngerer Diminutiv eines Größeren in dessen Schicksalsschatten zu leben ... war doch das Paradies auf Erden! Oder zumindest die Quadratur des Kreises: Jung-Narziß zu bleiben und dafür auch noch geliebt zu werden."

Doch nun ist das Ziervögelchen aus seinem goldenen Käfig ausgebrochen. Läßt sich zur Strafe von einem makellos gebauten Gebäudereiniger, der des Wegs kommt, in eine hannoversche Mansarde abschleppen. Später, am Hauptbahnhof, dann noch von weniger sauberen Herren, wobei es Florian nicht um die zweihundert Mark "pro Nase" zu tun ist, sondern um Strafe eben, Selbsterniedrigung. Um demonstrative Schäbigkeit, Nichtswürdigkeit, Rache an Pierre Cohn, dem väterlichen Geliebten, der ihn natürlich für seine "Unverdorbenheit" liebt.

Sieben glückliche Jahre lang hat sich Florian den "Sicherheitsgewahrsam" dieser Liebe gefallen lassen. Hat es genossen, von dem kunstsinnigen "Liebhaber alles Schönen" und weltläufigen Galeristen als wißbegieriger junger Gott in "jene Sphäre des Geistes" eingeführt zu werden, um deren Erbe ihn "eine stumpfsinnige Gegenwart betrog". Wir sehen das Tableau einer Kindheit in hessischer Trabantenstadt-Tristesse mit der "säuerlich" nüchternen Mutter, der Vater über alle Berge, mit den "mickrigen Schergen" des erweiterten Kulturbegriffs der Sozialdemokratie, sprich: Gesamtschullehrern, die jeden auf ihr eigenes Mittelmaß, ihre eigene ästhetische Anästhesiertheit herunterstutzen.

Für alle diese erlittenen Kränkungen hat ihn der liebevolle Kenner "autistischer Jünglingsplastiken aus Fleisch und Blut", der als Davongekommener des Holocaust immerhin auch kein kleines Schicksal hat, reichlich entschädigt mit einem arkadischen Lotterleben unterm Seidenbaldachin im klösterlichen provenzalischen Eigenheim, zu Monteverdi, Burgunder und den Sonnenuntergängen am Mont-Saint-Victoire.

Nach sieben Jahren nun die erste Krise. Den Abdruck einer Ohrfeige und ein blaues Auge hinterläßt der Liebling seinem Gönner, nachdem er eine lange blaue Überstunde der Begierde allein am Strand von Rügen auf der Pirsch nach einem Spiegel-Prinzchen Marke Ost verbracht hatte (sein Tadzio-Erlebnis: "I want to ,touch you'") und damit die erste große herzrasende Krise herbeigeführt hat - ein notwendiger Befreiungsschlag ...

Die klugen Punktrichter der Kritik haben Joachim Helfer schon bei seinem Debüt vor fünf Jahren (Du Idiot; Piper), dem Entwicklungsroman eines sensiblen Außenseiters, zu Recht ein bemerkenswertes literarisches Talent attestiert. Man ist wieder in der Kindheit, nicht der eigenen, aber der Kindheit des Gefühls (um deren Verlust die Literatur bangt), der breiten mythischen Dunstwelt lernender und lärmender Sinne.

Der Autor punktet weiter. Auch in Cohn & König ist die Fähigkeit zur Evokation da. Besonders, wenn erste Begegnungen geschildert werden - mit dem fremden Vater in einem wüstenfernen Amerika, dem schönen schwarzen Boy, den er aus Angst vor "der schwarzen Pest der Schwulen" abblitzen läßt, oder auch das familiäre Entrée mit Pierre Cohn, als ob man sich schon lange vorbestimmt gewesen wäre. Das Verhältnis zwischen beiden bleibt dann allerdings erstaunlich blaß, als ob hier etwas Biographisches noch gesperrt, noch nicht für die Literatur freigegeben werden konnte.