Was sind Börsenmenschen doch für merkwürdige Gesellen! Da sehnen sie sich nach nichts mehr als nach niedrigeren Zinsen. Aber kaum greift ein Politiker ihren Wunsch auf, schon wollen sie ihn lynchen. So wie den armen Oskar Lafontaine, dessen Abgang sie jetzt feiern, als wär's ein großer Sieg. Dabei steckt doch in jedem Börsianer ein kleiner Lafontaine.

Die Börsenwelt war dem geschiedenen Finanzminister gram, weil er es gewagt hatte, offen nach Zinssenkungen zu rufen. Wenn Bankenchefs oder gar Zentralbankpräsidenten wie Herr Duisenberg dies getan hätten, wären ihnen die Börsianer um den Hals gefallen. Nichts hat den Dax in den vergangenen Jahren mehr beflügelt als Zinssenkungen. Jede noch so leise Andeutung, die Leitzinsen könnten um ein paar Zehntel Prozentpunkte zurückgehen, hatte gewaltige Kurssprünge zur Folge.

Niedrigzinsen sind für die gesamte Wirtschaft nützlich. Sie heizen die Nachfrage an, weil die Leute die Lust am Sparen verlieren und eher was auf Pump kaufen. Zugleich werden die Unternehmen zu Investitionen animiert, wenn es billige Kredite gibt. Und nicht zuletzt entlasten Zinssenkungen die öffentlichen Haushalte, weil der Staat weniger für seine Schulden aufbringen muß. Die Steuergelder können somit sinnvoller ausgegeben werden.

Einer, der das schon früh durchschaut hat, war der englische Ökonom John Maynard Keynes. Er schlug deshalb vor, die Zinsen ruhig zu lockern, wenn die Unternehmensgewinne nachlassen und immer mehr Menschen arbeitslos werden. Selbst wenn dann die Gefahr besteht, daß die Preise etwas ansteigen. Genauso dachte auch Lafontaine, als er im Zentralbankrat auf den Tisch haute. Aber Keynes ist pfui und der rote Lafontaine erst recht. Deshalb forderten die Börsianer seinen Kopf, obwohl er doch bloß niedrigere Zinsen wollte. Also genau das, was sich jeder Aktienanleger wünscht. Aber welcher Börsenmensch würde schon zugeben, im Grunde seines Herzens ein verkappter Keynesianer zu sein? Und damit in den vergangenen Jahren den großen Reibach gemacht zu haben?