Brüssel

"Manches, was uns heute als Bürokratie erscheint, hat früher auf die Schlachtfelder Europas geführt." Joschka Fischer, Bundesaußenminister, über die EU-Kommission

Als wär' nichts gewesen. Als hätte Europa, mit dem schmählichen Abgang seiner 20 Kommissare, nicht gerade ein Erdbeben erschüttert. Und als würden die lauten Rufe nach einer "Reform an Haupt und Gliedern" der EU-Zentrale, wie es prompt Londons Premier Tony Blair formulierte, nicht durchdringen bis in den 12. Stock des Brüsseler Breydel-Gebäudes. Trojan, der oberste Eurokrat, zeigte sich unerschüttert ob der mitternächtlichen Fensterstürze aus der Chefetage. Und so bestätigte er den Brüsseler Sarkasmus über die wahren Machtverhältnisse im Innern des europäischen Hauses: "Die Kommissare kommen und gehen, die Dienste bleiben."

Die Dienste. Damit meint der EU-Jargon jene über 17000 Beamten, die sich - verteilt über 25 Generaldirektionen, allerlei Sondereinheiten und Agenturen - auf Lebenszeit dem Aufbau Europas hingeben. Sie hocken in engen Büros, tragen Papierberge ab, oft bis in die Nacht hinein. Sie werden gut bezahlt, sind praktisch unkündbar. Und scheinbar außer Kontrolle geraten: "Das Verantwortungsbewußtsein", so heißt es im Untersuchungsbericht der "fünf Weisen" über die Verwaltungskultur der EU etwas ungelenk, "versickert in der hierarchischen Kette". Niemand sei zu finden, der "sich auch nur im geringsten verantwortlich fühlt". Das Urteil zwang die Kommissare zum Abgang.

Die Beamten harren aus. Sie warten gespannt, wen Europas Staats- und Regierungschefs wohl als nächsten auf den Sessel des Kommissionspräsidenten hieven. Egal, ob's Romano Prodi, Wim Kok oder irgendein anderer wird - dieser Job verlangt die Talente eines "masochistisch veranlagten Management-Gurus" (Financial Times) . Denn sonst bekommt Europa nicht, was es braucht: eine Revolution in der Bürokratie.

Sicher, die deftigen Schlagzeilen über Korruption, Betrug oder die Vetternwirtschaft einer Edith Cresson sind schlimm genug. Da stank der Fisch vom Kopf her. Aber die Krise der Kommission reicht tiefer, zersetzt auch die Eurokratie: Überkommene Strukturen lassen Ineffizienz und Frust bis tief in den Apparat wuchern. Europas Zentrale wankt nicht etwa, weil Madame Cresson für einen befreundeten Zahnarzt EU-Töpfe anbohrte - sondern weil die Administration insgesamt vom Knochenfraß befallen ist.

Manche Ursache ist bekannt. Die 15 Regierungen und das EU-Parlament überhäuften die Kommission mit immer neuen Aufgaben, ohne ihr das nötige Personal zu bewilligen. Zahlen belegen das: 1974 umfaßte der EG-Haushalt 5Milliarden Ecu, heute ist das Budget 17mal so groß und liegt bei 88,5 Milliarden Euro. Derweil wurde das Personal nur etwas mehr als verdoppelt: von 7194 auf nunmehr 17201 Männer und Frauen. Das allein verursacht Wachstumsschmerzen. Hinzu kam, daß Brüssel - mit der Explosion der Strukturfonds, mit voluminösen Programmen für Osteuropa und den Mittelmeerraum - seit Anfang der neunziger Jahre viele Milliarden selbst verwalten mußte. Der damalige Kommissionspräsident Jacques Delors ahnte, als die EU 1989 auf dem Pariser Weltwirtschaftsgipfel die Kompetenzen zur Verwaltung der Osthilfen ergatterte, was seinem Haus drohte: "Diesen Sieg werden wir eines Tages teuer bezahlen."