Erst sah es so aus, als dürften sie doch nicht für Deutschland singen. Auf dem undankbaren zweiten Platz landeten die türkischstämmigen Sänger der Gruppe Sürpriz beim nationalen Vorentscheid für den Grand Prix Eurovision. Dabei hatten sie große Hoffnungen auf die Solidarität der Immigrantengemeinde gesetzt. Denn anders als im wirklichen Leben dürfen Einwanderer beim Televoting für den Schlagerwettbewerb auch ohne deutschen Paß mitwählen. Doch dann wurde die eigentliche Siegerin, die blinde Bremerin Corinna May, disqualifiziert, und nun gehen Sürpriz doch auf die "Reise nach Jerusalem". So schlimm kann es also um die Integration der Immigranten nicht bestellt sein, wenn sie jetzt schon in die Domäne des deutschen Schlagers vordringen.

Was heißt hier nicht integriert, fragte unlängst die taz, als in der Diskussion um das neue Staatsbürgerrecht wieder einmal die Fremdheit der potentiellen Neubürger beschworen wurde. "Sie sind längst in dieser Gesellschaft angekommen: als Fabrikarbeiter und Unternehmer, als Immobilienbesitzer und Schuldner, als Diebe und Mörder, als Polizisten und Soldaten." Oder als Spießer und Aussteiger, als Gottgläubige und Atheisten, als Rapper und eben als Schlagersänger. Sie sind in der Gesellschaft angekommen, aber sie kommen nicht vor. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, existieren sie in der öffentlichen Wahrnehmung unter dem Etikett "Ausländer" in zwei Ausführungen: als Täter und als Opfer.

Zum Beispiel letzten Monat. Innerhalb einer Woche kippte da die öffentliche Gemütslage von Mitleid und Betroffenheit in Empörung und Entsetzen. Beide Male war der Ausländer das Objekt der medialen Begierde. Zuerst ein von Rechtsradikalen zu Tode gejagter algerischer Flüchtling in Guben, dann Prügel schwingende kurdische PKK-Anhänger in Stuttgart, Hamburg und Berlin. Angesichts der zeitlichen Nähe der Ereignisse stellte sich so manchem Kommentator die verzwickte Aufgabe, beide miteinander zu verbinden. Also bedauerte man den toten Algerier und warnte vor der gewalttätigen "Ausländerfeindlichkeit", um im nächsten Satz zu folgern, daß der Kurde im besonderen dem Ausländer im allgemeinen keinen Gefallen tut, wenn er auf deutschen Straßen Polizisten verprügelt und so die letzten Restbestände von Wohlwollen in Sachen Einbürgerungsreform verspielt.

Nichts an diesen Beobachtungen ist falsch, wenn man einmal davon absieht, daß sie in ihrer verknüpften Form einen perfiden Subtext enthalten: Die Ausländer werden als Kollektiv für die Aktionen einzelner Gruppen haftbar gemacht. Als hätten es die jugoslawischen, türkischen, vietnamesischen oder ghanaischen Immigranten in Deutschland sträflich versäumt, die Kurden zur Ordnung zu rufen, und damit den Deutschen erschwert, dem glatzköpfigen Teil ihrer Jugend den Rassismus auszutreiben.

Der Zusammenhang zwischen den Bildern aus Guben und denen aus Stuttgart, Hamburg oder Berlin ist aber ein ganz anderer. Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer erhalten Ausländer (oder solche, die man dafür hält) vor dem deutschen Medienpublikum exakt zwei Rollen zugeschrieben: Westlich der Elbe schwingen sie den Baseballschläger, östlich davon kriegen sie ihn über den Schädel gezogen. Im Westen ist der Ausländer Täter, im Osten Opfer. Im Zug von Berlin nach Hamburg auch beides, wenn er zum Beispiel in Gestalt eines Schwarzen im Abteil Platz nimmt. Auf dem ersten Teil der Strecke durch Brandenburg erscheint er noch als aufzumunterndes Schutzobjekt, und man sucht die Gänge argwöhnisch nach zugestiegenen Skinheads ab. Auf dem Hamburger Hauptbahnhof ist er dann zum potentiell Kriminellen mutiert, den sich Polizeibeamte zur Kontrolle herauspicken, mit der Begründung: "Erfahrungswerte". "Also doch was mit Drogen", funkt es ganz hinterhältig aus der unaufgeräumten Assoziationskammer des eigenen Hirns.

Die Stigmatisierung vor allem junger männlicher Immigranten als Täter erinnert zunehmend an die Stereotypisierung junger schwarzer Männer in den USA. Dort bewegt sich die ganze Altersgruppe der 15- bis 35jährigen unter Generalverdacht. Als Teil ihrer Sozialisation hat sie sich Überlebensstrategien der Unterwürfigkeit im Umgang mit der Polizei angeeignet, die gleichaltrige Weiße nie lernen mußten. Die Konfrontation mit Polizisten oder Kaufhausdetektiven stellt für das schwarze Mitglied einer Gang ebenso eine Bedrohung und sichere Demütigung dar wie für den schwarzen Basketballprofi oder den schwarzen Anwalt. Erst neulich sah sich sogar Bill Clinton genötigt, US-Polizisten die Leviten zu lesen, weil sie immer öfter unbewaffnete Schwarze niederschießen und Autos nach dem Kriterium Hautfarbe kontrollieren.

Diese Verquickung von ethnischer Zugehörigkeit und Kriminalität ist in Deutschland nichts Neues, und die bayerische CSU hat sie mit der politischen Inszenierung des Falls Mehmet auf ein neues Niveau gehoben. Einen 14jährigen, der in München als Sohn türkischer Eltern geboren ist, kein Türkisch spricht und seine Serie von Erpressungen, Überfällen und Prügeleien mit bayerischen Obszönitäten gespickt haben dürfte - ein solches Produkt der deutschen Gesellschaft in die Türkei abzuschieben war als rechtlicher und pädagogischer Akt aberwitzig und als symbolische Politik infam. Denn es hat den Immigranten eine neue Qualität staatlicher Unberechenbarkeit signalisiert. Die würde mit der geplanten Reform des Staatsbürgerrechts zwar für viele Immigranten beseitigt, aber so ganz will auch eine rot-grüne Regierung nicht auf eine ethnische Manövriermasse verzichten: Vorbestrafte Ausländer und solche, die Sozial- und Arbeitslosenhilfe beanspruchen, sollen keinen Anspruch auf den deutschen Paß erhalten. Da bleibt also weiterhin reichlich politischer Spielraum, eine ethnische Unterschicht zu schaffen und sie der ausländerpolizeilichen Verwaltung zu überlassen.