Sie mißtraue den Worten, sagt Louise Bourgeois. Sie interessierten und befriedigten sie nicht. "Ich leide an der Art, wie sie sich abnutzen." Und hat sich doch in den vergangenen Jahren immer wieder zum Phänomen ihrer heute weltweit gefeierten Kunst und zu den Phantomen und Phantasmagorien ihres Lebens geäußert: "Ich biete eine Innenschau, eine Reise in die Vergangenheit, eine Entdeckung des Ichs ... Ich will nicht schockieren, ich will genau sein." Diese Genauigkeit ist radikal. Sie war es stets, auch als Louise Bourgeois in den späten vierziger Jahren malend die "Femmes Maison" erfand: Karge Frauenakte mit wehendem Haar, statt eines Kopfes ein Gebäude auf den Schultern trugen. Hausfrauen eben.

Das Häusermotiv begleitet die Künstlerin seither, auch wenn sie von den sechziger Jahren an anderen Themen naturwüchsig entwickelte. Sexuelle Anspielungen zum Beispiel, seltsame Gewächse aus Stoff, Latex und Gips, spielten fortan eine bedeutsame Rolle auf Louise Bourgeois' Weg nach innen. In einem Videofilm, der in der Kunsthalle Bielefeld ihre Ausstellung neuerer Skulpturen und Zeichnungen einführt, ist die Künstlerin vom Jahrgang 1911 drastischer: "Ich ging in die Hölle und zurück, und ich sage Ihnen, es war wundervoll."

Fünfzig Minuten Louise Bourgeois auf dem Bildschirm - das ist ein Ereignis, und man muß wohl der Tochtergeneration der Künstlerin angehören, um es auch als Heimsuchung zu empfinden. Zu erleben ist eine dieser unsterblichen, um sich selbst kreisenden Mütter. Zierlich wirkt sie und hart, beunruhigend lebendig und als Künstlerin deshalb umwerfend - auch umwerfend produktiv. Seit rund zwanzig Jahren ein Inbild für Feministinnen, ist sie noch mehr ein monstre sacré der Gegenwartskunst. Eine Uralte von irritierender Direktheit. Und so alterslos in ihren Obsessionen.

Die um sich selbst kreisende Mutter

Was immer sie sagt, man spürt, sie wird niemals loslassen, was sie einmal besetzte. Sie hat alles im Blick, als sei es gerade im Entstehen. Jedes Objekt, jede Zeichnung reflektiert das lange Leben und seine Verletzungen - um sich davon abzustoßen: Die Abgründe der Kindheit, die etwaige Untiefen späterer Jahre in sich bergen. Das komplizierte Verhältnis der Geschlechter. Macht und Angst, wenig Lust und manchmal Zärtlichkeit. Geometrie und strenge Form als Antwort auf die Ekzesse von Gefühlen. "Über glückliche Familien", sagt Louise Bourgeois, "gibt es keine Geschichten zu erzählen."

Wenn Madame so ihre Welt erklärt, klingt dies auf distanzierte Weise plausibel. Nur erschrickt man, wenn sie dabei gerade eine ihrer phallischen Marmorskulpturen in Händen hält und nüchtern abtastet, etwa so, wie französische Hausfrauen beim Gemüsehändler Tomaten prüfen. Und man fragt sich, was andere schon gefragt haben: Ob diese Kunst der anspielungsreichen Rückbezüge auf die eigene Existenz nicht auch sehr puritanisch ist.

Wie stets bei Louise Bourgeois ist das Puritanische auch in der von Thomas Kellein eingerichteten Bielefelder Schau nur zu ahnen. Es begleitet die bedrängenden Formerfindungen und den immer wieder von neuem unternommenen Versuch, Erschütterung durch das Prinzip verrätselter formaler Ordnungen zu bewältigen. Wo Welten naturgemäß aus den Fugen geraten - in der Liebe wie in Familienzusammenhängen - sind Ängste unabwendbar, manchmal überwältigend. Die Bourgeois hat dies in einer ménage à trois zwischen Eltern und Gouvernante in ihrer Kindheit bei Paris erfahren. Und läßt direkte Rückgriffe auf ihr (seit 1938) New Yorker Leben mit einem renommierten amerikanischen Kunsthistoriker und drei Söhnen beiseite.