Du schließt die Augen und fühlst dich ins Waldesinnere versetzt ... Ein Buntspechtpärchen trommelt im Duett. Am Bach singen Rotkehlchen und Zaunkönig. Ein Schwarzspecht fliegt mit seinem Flugruf vorbei. Am Hang schreckt ein Rehbock. Mönchsgrasmücke und Waldlaubsänger sind zu hören. Eine Amsel flattert zeternd auf. Es regnet und tropft von den Ästen ...

Du nimmst den Kopfhörer ab und bist wieder in deinen vier Wänden. Das vielstimmige Klanggeschehen kam aus der Konserve. Neun CDs hat Walter Tilgner inzwischen veröffentlicht. In der Popmusikszene wäre er damit ein Star. Auf seinen Tonspuren ist jedoch nur Natur zu hören. Ungemischt und ungefiltert - und schon gar nicht mit seichter New-Age-Musik aufbereitet - ertönt in seinen Aufnahmen die Klanglandschaft unserer Wälder.

"Was wir Waldesstille nennen", sagt Walter Tilgner, ein weißbärtiger, jägergrün gekleideter 64jähriger, "ist ein Wohlklang, der sich kraß unterscheidet vom Zivilisationslärm. Es ist eigentlich der Klang, in dem die Urmenschen groß geworden sind."

Vom Fenster seiner kleinen Wohnung an der Bodensee-Uferpromenade von Allensbach geht der Blick über Pappelreihen und Glockentürme der Insel Reichenau. An der Wohnzimmerwand hängt ein Hirschgeweih. Gegenüber ein Foto, auch selbst geschossen, von einem Sperlingskauz, der aus einer Spechthöhle lugt. Tilgner ist Jäger und Sammler. Das Zimmer ist voll mit alten jagdlichen Souvenirs und mit High-Tech-Audiogeräten. Im Bücherschrank stehen die Memoiren wilhelminischer Forst- und Jägermeister Rücken an Rücken mit den Lehrbüchern des neuen ökologischen Denkens über den Wald.

In der mitteleuropäischen Jagdtradition hat Walter Tilgner seine Wurzeln. Als Kind, erzählt er, sei er mit Jägern und Forstleuten mitgegangen. Die Familie, aus Olmütz in Mähren stammend, lebte nach der Vertreibung in einem Dorf in der Rhön. Zu Hause hatte man wenig Geld. Und der Waldgang war halt umsonst. Pirsch und Ansitz vor Tau und Tag - die mystische Morgenstimmung im Wald - waren tief empfundene Erlebnisse. Die jagdliche Ausbildung kam hinzu. Ein Biologiestudium in den fünfziger Jahren, Praxis im Naturschutz, jahrelange Tätigkeit am Bodensee-Naturmuseum in Konstanz - das war sein beruflicher Werdegang. Das Gewehr hat er längst vertauscht. Zuerst mit der Kamera, dann mit dem Mikrofon. Was blieb, war die Lust am Beutemachen. Die Trophäen stehen in einem besonderen Regal: ein paar hundert DAT-Kassetten, säuberlich geordnet und beschriftet.

Über keinem Gipfel ist Ruh'

Seine Jagdausrüstung paßt in einen Rucksack: ein Recorder, japanisch-kleinteilig. Ein Kunstkopf. Der Kunstkopf ist ein modellierter Plastikkopf. An den Stellen, wo die Trommelfelle sitzen würden, sind hochempfindliche Studiomikrofone eingebaut. "Dadurch ergibt sich ein sehr räumliches, sehr natürliches Hörbild", sagt Tilgner.