Sein alter Traum, die Morgenstimmung im Wald authentisch einzufangen, ließ sich in den achtziger Jahren endlich realisieren. Auf der Funkausstellung im Herbst 1982 kam die erste tragbare digitale Tonaufzeichnungseinheit auf den Markt. Im Februar 1983 schon war Tilgner mit dieser avantgardistischen Technik im Wald. Die Ausbeute hat ihn überrascht und begeistert. Es war jetzt möglich, das gesamte Klanggewebe des Waldes, selbst die subtilen Geräusche, die früher im Bandrauschen untergingen, aufzuzeichnen und zu reproduzieren. Tilgners Waldkonzert (heute auf CD erhältlich) war wohl weltweit die erste veröffentlichte digitale Naturklangaufnahme. Für die alte Garde der deutschen Ornithologen und Bioakustiker war diese Pionierarbeit ... Luft. In der kleinen, aber global vernetzten Gemeinde von Soundscape-Künstlern und Naturklang-Freaks, die rund um den blauen Planeten den Gesängen der Buckelwale, dem Geheul der Steppenwölfe oder der Polyphonie des tropischen Regenwaldes nachjagen, setzte sie neue Maßstäbe.

"Jeder Wald hat sein eigenes Klangbild", sagt Walter Tilgner. Im Buchenmischwald klingt es anders als in einem Bergfichtenwald oder einem Auwald. Andere Waldgesellschaften, andere Pflanzen, andere Insekten, andere Vögel - es klingt anders. Als wir den Wald auf dem Bodanrück bei Liggeringen betreten, wo die ersten Aufnahmen entstanden, ist eine Amsel zu hören, vier, fünf Singdrosseln, das Rotkehlchen. Aber die Aufnahmen von 1983 wären hier und heute so nicht mehr möglich. Tilgner zeigt auf einen Hang. Dort, unter 130jährigen Buchen, habe sein Mikrofon gestanden. Der Buchendom ist gefällt und frisch aufgeforstet. Naturverjüngung mit Buchen, Bergahorn, Fichte, Kiefer wächst nach. Ein Waldweiher wurde angelegt. Einige Vogelarten haben sich zurückgezogen, andere sind gekommen, es hat sich etwas verändert. "In 100 oder 150 Jahren wird es an dieser Stelle wieder einen herrlichen Mischwald geben und ein ähnliches Vogelkonzert, wie ich es aufgenommen habe", sagt Tilgner. "Wenn wir Glück haben", setzt er hinzu.

Jedes natürliche Klanggeschehen ist einmalig und unwiederholbar. Abhängig von Tageszeit und Jahreszeit, von Lichtzuwachs und Witterung, von all den feinen kosmischen und atmosphärischen Einflüssen. Und das sei das Schöne, meint Walter Tilgner: "In der Natur wiederholt sich nichts." Ähnlich wie die Jagd auf Wild habe die Pirsch auf Klangbilder etwas Meditatives: "Man wird ruhig. Man wartet und lauscht. Man hört Bekanntes. Hört Unbekanntes. Die Sinne sind angespannt. Jeden Moment kann etwas Unvorhergesehenes passieren. Man wird mit der Natur eins."

In das Murmeln des Baches und das Konzert der Vögel mischt sich ein leises Brummen. Es schwillt an. Der Dezibel-Pegel steigt. Fluglärm. Wir sind hier unter der Warteschleife der Flughäfen Zürich und Basel/Mühlhausen. Der Verkehrslärm insgesamt habe seit 1983 sprunghaft zugenommen, sagt Tilgner. Jede Autobahn ist bei Nacht 15 Kilometer weit zu hören. Über keinem Gipfel ist Ruh'. Letzte Refugien der Stille im ländlichen Raum sind zerstört. "Es ist in Mitteleuropa praktisch unmöglich geworden, Tonaufnahmen ohne Zivilisationslärm zu machen."

Das Geräusch des Linienflugzeugs ebbt ab. Der Bach ist wieder zu hören. Wieviel Waldesstille braucht die Seele des urbanen Menschen? Eine Frage jenseits des Horizonts von Standortpolitikern, Startbahn- und Transrapid-Planern. Es beginnt zu regnen. "Regen ist etwas Schönes", sagt Tilgner und meint wieder den Klang.

Der Reviergesang wird magerer

Der "stumme Frühling", Wald und Flur ohne Vogelkonzert, in den sechziger Jahren von der amerikanischen "Regenbogen"-Kriegerin Rachel Carson prophezeit, ist nicht gekommen. Ein Öko-Irrtum? So einfach ist das nicht. Der Nachtigallenschlag im Ufergebüsch am Reichenaudamm, den Tilgner auf einer seiner CDs verewigt hat, ist zwar noch da, aber andere Arten haben sich verabschiedet. Der Bestand an Zugvögeln scheint zurückzugehen. Der Reviergesang, stellt Tilgner fest, wird magerer.