Merlins Totemtier, der Hirsch, steht im Mittelpunkt der neuen CD König des Waldes (erschienen wie die anderen acht CDs bei Natural Sound/WERGO). Sie versetzt den Hörer auf eine nächtliche Waldlichtung ... Leise röhrt ein Rothirsch. Laubfrösche quaken. Ein alter Hirsch antwortet einem weit entfernten Rivalen. Am Brunftplatz treffen immer mehr Hirsche ein. Das Stangenschlagen eines Kampfes. Ein Sprengruf. Die Hirsche entfernen sich ins dichtere Unterholz. Ein Rotkehlchen tixt. Der Tag erwacht ... Aufnahmen aus dem Nationalpark am Darß, ein paar hundert Meter vom Strand der Ostsee entfernt. Wie er sie gemacht habe? "Ganz einfach. Das Mikrofon auf die Brunftwiese gestellt, und die Hirsche haben halt geschrien. Finster war's. Und natürlich hörte man den Küstenwind, das Blätterrauschen in den alten Buchen."

Am Anfang nutzten Naturliebhaber und Waldgänger seine CDs, um zu Hause zur Ruhe zu kommen. Irgendwann entdeckten die Techno-Raver seine Produktionen für ihre Zwecke. Tilgners Audio-Skulpturen hört man seitdem auch dort, wo die Raver aus der Trance der durchtanzten Nächte wieder in den Alltag hinüberwechseln: in den Chill-out-Kammern der Techno-Hallen. Ein Cross-over besonderer Art. Walter Tilgner hat's gelassen zur Kenntnis genommen.

Die Tonkonserve als Klangmuseum? Als bequemer Ersatz für das Naturerlebnis, das nicht mehr so einfach zu haben ist? Oder gar als Ersatzdroge? "Man weiß nur etwas zu schätzen, dessen Wert man kennt." Erst dann komme der Impuls, danach zu suchen, es zu erhalten. Die Freude an dem Klangerlebnis aus der Konserve soll, wenn es nach Tilgner ginge, vor allem die Sehnsucht nach eigener direkter Naturerfahrung wecken. Man mache sich also auf. Am besten jetzt, in der Balzzeit der Singvögel. Wenn es noch dunkel ist. Man lausche auf das, was passiert, wenn die Sterne verblassen, ein erster fahler Schimmer am Nachthimmel zu sehen ist und das Vogelkonzert einsetzt. Wo? Irgendwo in einem Waldstück vor der Stadt. Oder einem Park in der Nachbarschaft. Oder einfach nur zu Hause im Garten.

Die Sprache der Natur verstehen - uralter Traum, angesiedelt in den grünen Gefilden unserer Kultur. "Man kann mit den Bäumen, mit dem Wald reden." Auch heute noch, in den Zeiten kränkelnder Wälder und roter Listen. Davon ist Walter Tilgner überzeugt. "Und man bekommt eine Antwort. Man muß eben nur hören und sehen können."