Debatten werden immer gegen Ende spannend. So verhält es sich auch bei dem Disput um das geplante Holocaust-Mahnmal in Berlin. Spät genug hat der Vorschlag des ostdeutschen Theologen Richard Schröder Aufmerksamkeit gefunden, das Mahnmal um das fünfte Gebot des Dekalogs anzuordnen: "Nicht morden!" (ZEIT Nr. 4/99). Für die einen hat Schröder einen Weg aus dem Dilemma gewiesen, den anderen gilt er aber als Störenfried.

Wozu in letzter Stunde noch einen Vorschlag? - Aber bitte, was von der Seite der Regierung zur Debatte steht, ist jedenfalls ein Vorschlag in letzter Minute, denn Schröder (der Kanzler!) und sein Staatsminister sind nach dem Wahltag von den Planungen Helmut Kohls deutlich abgewichen.

Wozu noch einen Vorschlag, wo doch das richtige Ergebnis längst feststeht? -

Aber bitte, wer den Bundestag bei dieser für die Repräsentierung unserer Geschichte zentralen Entscheidung mitwirken lassen will, kann nicht schon vor der Aussprache und Abstimmung Diskussionsverbote verhängen. (Und wer den Bundestag votieren lassen will, kann den Bundesrat nicht ganz ignorieren, auch nicht nach der Hessen-Wahl.) Dies gilt zumal angesichts der Tatsache, daß längst noch niemand weiß, ob der gegenwärtige Eisenman-Entwurf (Stelengruppe plus Museum) auch im Falle prinzipieller Zustimmung so verwirklicht werden kann, wie er bis dato skizziert wurde.

Also gibt es keinen Grund, jede weitere Diskussion zu diskriminieren - oder sie gleich mit abwegigen Argumenten aufs falsche Gleis zu schieben. Mag sein, daß der eine oder andere Politiker für Schröders Vorschlag eintritt, weil er irgendeine Eisenman-Variante nie sehen wollte. Aber deswegen darf man nicht all jene, die Schröders Idee favorisieren, als ewige Verdränger etikettieren; das gilt schon gar nicht für den katholischen Bischof Lehmann, den protestantischen Präses Kock oder Johannes Rau, den SPD-Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten.

Im Gegenteil, all diese "Unterstützer" kritisieren an den schon vorliegenden Entwürfen gerade die ins Ästhetische entschwindende Unbestimmtheit. Oder, wie Richard Schröder es formuliert: Ein Mahnmal müsse eine Mahnung formulieren, und zwar eine Mahnung der Opfer an die nachgeborenen Deutschen. "Ein Mahnmal ohne Worte kommt nicht zur Sache." Nun aber kommen die Kritiker merkwürdigerweise von der Rechten wie von der Linken.

Die einen: "Wieso in der Sprache der Juden?" Die anderen: "Müssen sich die Opfer ermahnen lassen?" So oder so ist der Einwand falsch: Die hebräische Sprache ist keine Opfersprache, sondern eine Weltsprache - und, notabene, eine der Muttersprachen christlicher Theologie. (Übrigens auch eine Sprache der altsprachlich gebildeten Deutschen - so es sie immer noch gibt.) Außerdem: Das fünfte Gebot ist das erste kategorisch, bedingungslos formulierte Mordverbot jeder Geschichte. Und zwar, weil es auf das erste Gebot bezogen ist, auf das theologisch-monotheistisch formulierte Verbot der Selbstvergötzung des Menschen - die Wurzel aller Spaltungen der Menschheit. Wer daran ausdrücklich und in Worten lesbar erinnert, erinnert an die für die ganze Welt ursprüngliche Kulturleistung des Judentums - und an den Abgrund gerade in unserer Geschichte. Wer Schröder für einen Störenfried hält, muß sich vor dem Eindruck hüten, ihn störe gerade diese wörtliche Erinnerung.