Wie entsteht die "Farbe" Weiß? Für einen Zehnjährigen ist die Frage kein Pappenstiel. Für einen Erwachsenen auch nicht unbedingt. Weiß ist die Oberfläche, die alles Licht zurückwirft. Das Aufgabenblatt, das Lehrer Xaver Heer seinen Knirpsen austeilt, ist offensichtlich nicht für Normalsterbliche gedacht. Da wird in der nächsten Frage nicht bloß eine gezeichnete Erklärung verlangt, wie ein Lichtstrahl durch ein Prisma tritt. Nein. Fünf Prismen gilt es zu durchqueren.

Schließlich ist hier, in zwei Zimmern des Schulhauses Looren B in Zürich-Witikon, die Talenta zu Hause. Seit vergangenem August hat die Schweiz eine spezielle Schule für hochbegabte Kinder im Primarschulalter (sechs bis zwölf Jahre). Ähnliche Versuche mit dieser Altersklasse in Deutschland - Projekte des Vereins Christliches Jugenddorfwerk Deutschland in Hannover oder Rostock - haben mehr intergrativen Charakter: Hochbegabtenförderung findet hier als sogenannte Nachmittagsbetreuung statt. Oder die Klassen sind (so in der Grundschule Beuthenerstraße in Hannover) mit mindestens 50 Prozent durchschnittlich Pfiffigen angereichert.

In Zürich sind die Schlaumeier ganz unter sich. Ihren Betrieb nahm die Privatschule, die von Firmen wie Novartis, Schweizer Rück oder Winterthur gesponsert wird, im August mit neun Kindern auf. Die Knirpse waren nach psychologischen Tests, Eltern- und Lehrerbefragung für die zweijährige Pilotphase ausgewählt worden. Mittlerweile ist der aus allen sechs Jahrgängen zusammengesetzte Klassenverband auf 19 gescheite Köpfe angewachsen. Er setzt sich aus Kindern zusammen, die je nach Sichtweise als pfiffige Denker, altkluge Streber, "Schwierige" oder Minderleister aufgefallen sind.

Dazu zählen immerhin zwei Prozent der Bevölkerung. Hochbegabte sind extrem konzentrationsfähig, wißbegierig oder kreativ. Sie entwickeln besonders früh die Fähigkeit zu logischem Denken, haben ein Mordsgedächtnis oder Freude an jenen verflixten Kombinationsspielen, in denen es Hölzchen zu einem Trapez, Hexenhaus oder Tetraeder zusammenzuschieben gilt. Andere verblüffen durch Virtuosität am Klavier, dichterischen Wortschatz - oder minimales Schlafbedürfnis.

Drei von vier dieser Genies kommen damit ganz gut zurecht. Sie kratzen die Kurve zum Abitur, biegen in die universitäre Gerade ein und starten durch in ein erfolgreiches Berufsleben. Es bleiben die 0,5 Prozent, die unter Normalbedingungen mit dem Schulsystem kollidieren. Das sind in der Schweiz 2000 Kinder im Primarschulalter. In Deutschland stehen in derselben Alterskategorie rund 20 000 vor demselben Problem: Dauernd unterforderte Knaben reagieren oft aggressiv, Mädchen ziehen sich eher ins Schneckenhaus zurück.

Der Giftzwerg lümmelt neben dem introvertierten Lämmchen

Ähnliche Probleme hatten auch Schüler, die heute in Xaver Heers Hochbegabtenklasse sitzen. Mit einem IQ von über 130 ging ihnen im Unterricht das Lernfutter aus, oder sie wußten längst, was ihre Mitschüler mühsam zu büffeln begannen. "Viele dieser Kinder sind irgendwann so gelangweilt", sagt Schulleiter Heer, "daß sie eine miserable Arbeitshaltung an den Tag legen und bald den Stinker haben."