Das Satiricon-Theater in Essen ist ausverkauft. Ein weißhaariger Mann betritt die Bühne. Das Publikum wird still. Langsam umrundet er den Konzertflügel und verschwindet wieder. Wenig später kehrt er mit einem Bühnenarbeiter zurück und bittet ihn, den Notenständer wegzutragen. Dann gehen sie wieder, der alte Mann und sein Helfer mit dem sperrigen, schwarzen Holzgestell. Man könnte es für den Auftakt eines absurden Theaterstücks halten.

Nach einer Viertelstunde erscheint der Weißhaarige allein auf der Bühne und setzt sich hinter die Tasten. Es ist Paul Bley. Weil die Klavierbank nicht hoch genug ist, hat er sich mit ein paar Telefonbüchern und einer Decke ausgeholfen.

Auch die ersten Töne der linken Hand wirken provisorisch, wie vorläufig: eine rhythmisch vertrackte Figur an der unteren Grenze der Klaviatur. Schon wird sie von komplexen Akkorden unterbrochen und gewinnt Klarheit. Bis plötzlich die rechte Hand eine Melodie hinzusetzt, die zugleich einfach und fremd klingt - wie ein spätes Echo der Gymnopédies von Erik Satie. Hier improvisiert einer der ungewöhnlichsten Musiker des modernen Jazz. Kaum 20 Jahre alt, begleitete der Pianist aus Montreal vor einem halben Jahrhundert Charlie Parker, Charles Mingus und Art Blakey. Seitdem spielte er mit fast allen, die im Jazz Neues gesucht und Bleibendes gefunden haben. Dieser Tage tourt er mit dem Bassisten Gary Peacock und dem Drummer Paul Motian durch Europa.

Wieder und wieder wird die über flächigen Akkorden schwebende Melodie von virtuosen Läufen durchsetzt - Kondensstreifen am lackblauen Himmel -, bis die Improvisation überraschend in eine Kadenz mündet. Was als flüchtige Skizze begann, hat eine Form gefunden. Bley steht auf und überläßt die Bühne Motian und Peacock: Jazz als Schule des Respekts vor dem anderen. Die drei kennen sich schon lange, und von der Hierarchie zwischen Piano und Rhythmusgruppe haben sie sich bereits vor 35 Jahren verabschiedet.

Damals schrieben sie mit ihrem Trio Jazzgeschichte, dann trennten sich ihre Wege. Bley experimentierte, nicht immer glücklich, mit Synthesizern und arbeitete als einer der ersten Musiker mit Videokünstlern zusammen. Peacock und Motian spielten in den legendären Bands von Bill Evans und Keith Jarrett, dessen frühe Aufnahmen deutlich von Bley inspiriert sind.

Anfang der sechziger Jahre, als der Free Jazz noch nicht zur genialischen Kraftmeierei europäischer Epigonen verkommen war, nannten die drei ihre Antwort auf die revolutionäre schwarze Musik free form oder auch free song. Das war für sie kein Aufruf zur bestenfalls provozierenden Beliebigkeit, sondern ein Weg, ungewöhnliche, aber durchaus nachvollziehbare musikalische Strukturen spontan zu entwickeln.

Bis heute wird Peacocks Baßspiel von langen melodiösen Bögen getragen, die es ihm möglich machen, sich von harmonischen Konventionen zu lösen. Und Motian widersetzt sich wie kein zweiter der seit Jahren grassierenden Mode, als Schlagzeuger wie ein Computer zu klingen. Er ist ein Minimalist, ein Meister der Andeutung: Rhythmen werden umspielt, fragmentiert und übereinandergeschichtet. Sehr früh schon hat er das Drumset als Klang- und Melodieinstrument entdeckt.