DESTROY ALL MUSIC

Destroy All Music steht in großen Lettern auf der CD-Hülle. Endlich einmal eine harte, knochentrockene Ansage: Das, was die Futuristen, Edgard Varèse, Peter Brötzmann und Keiji Haino noch von der Musik übriggelassen haben, endgültig platt machen. Letzte Melodieruinen mit der Abrißbirne beseitigen. Songstrukturen mit dem Flammenwerfer niederheizen. 20.000.000 Volt heißt eine der explosiven Lärmkonstruktionen der Flying Luttenbachers.

Gut gebrüllt, aber doch ein wenig zuviel versprochen. Constructive Destruction ist der Titel einer anderen, älteren Platte des Noise-Kommandos aus Chicago. Das kommt der Sache schon näher und läßt sich als Manifest der gesamten Luttenbacher-Kunst dechiffrieren: Zwar rollt die Gitarre immer wieder Geräuschbänder aus schierem, weißem Rauschen aus, zwar scheinen sich zwei Saxophone pfeifend und skronkend über todesmetallischen Riffs in die Mikrophone zu erbrechen, zwar hat das Schlagzeug einen Schrottplatz-Stil entwickelt, bei dem die Eisenteile und Holzsplitter nur so durcheinanderfliegen. Aber zwischendurch gibt es immer wieder geradezu filigrane Frage-und-Antwort-Spiele der Instrumente, stehende Klangwellen voll hymnischer Inbrunst wie beim späten Coltrane und knackige Unisono-Teile, die den galoppierenden Wahnsinn präzise interpunktieren.

Die Flying Luttenbachers sind, wie so vieles aus dem Hause Skin Graft, Produkt, Obsession und Lebensphilosophie eines Wahnsinnigen: Weasel Walter, bürgerlicher Name unbekannt. Spielt Schlagzeug, Entenlockpfeifen, Klarinette und was sonst noch so im Proberaum herumliegt. Seit den frühen neunziger Jahren tobt die Band bei ständig wechselnder Besetzung über die Kleinbühnen dieser Welt. Die Luttenbachers taumeln zwischen Free Jazz, No Wave und Death Metal, versuchen die Wurzel aus Albert Ayler und Cradle of Filth zu ziehen und multiplizieren den Todesschrei eines Hühnchens mit dem Röhren der herannahenden Hubschrauber-Staffel aus Apocalypse Now. Schön krank.

Längst sind Weasel Walter und Co. ein Kleinstmythos: ein Relais für schnelle Ideenumsetzung, ein Durchlauferhitzer für Musiker, die bis an die Grenzen ihrer expressiven Fähigkeiten gepeitscht wurden. Destroy All Music ist eine Kollektion aus alten Studio- und Live-Aufnahmen, die erst vor kurzem auf CD gepreßt wurden. Eine Guerilla-Produktion, wie es im Cover-Text heißt, "aufgenommen in Garagen, von dubiosen Live Tapes abgenommen, in anderer Leute Wohnzimmer hastig zusammengemixt". Purer Punk Jazz, zum schnellen Verzehr bestimmt. Nach Gebrauch wegwerfen.

Und mittendrin im Auge des Hurrikans sitzt Klang-Regisseur Weasel Walter: Anzug, Krawatte, weißgekacheltes Gesicht, Vietnam-Veteranen-Borstenlook. Zornig, unbefriedigt, unbestechlich, unbeirrbar. Solange er die Drumsticks noch halten kann, gilt die Devise: "Let the Rock and Roll Natural Selection begin."

UG06/GR51,UG EXPLODE RECORDS/SKIN GRAFT ODER FÜR 37 DM INKL. VERSAND ÜBER NORMAL, TEL. 0228-22 06 55