Wenige Tage bevor er hier am 15. Juli 1904 starb, schrieb Anton Tschechow in einem Brief: "Badenweiler ist ein sehr origineller Kurort, aber worin seine Originalität besteht, ist mir noch nicht klar geworden." Nicht anders wird es Peter Urban, Herausgeber und Übersetzer Tschechows, gesehen haben. Von seiner Hand findet sich das Zitat auf dem Vorsatzblatt eines Exemplars der Berliner Friedenauer Presse mit "drei kleinen Romanen" des Dichters, das Peter Urban dem Tschechow-Salon im Kurhaus am 21. Juli 1998 - "zur Eröffnung überreicht vom Übersetzer" - dediziert hat. Dort können es die Besucher in einer Glasvitrine neben manchem anderen bemerkenswerten Exponat studieren.

Tatsächlich hat Badenweiler mit dieser literarischen Gedenkstätte seine im kleinen Kurort seit langem schlummernde, aber nicht recht wahrgenommene Originalität offenbart. Und von Ende März bis Ende April wird es das erste Literaturforum Badenweiler geben.

Außer Tschechow, der dem Salon im Kurhaus den Namen gab, findet man in Badenweiler auch Hinweise auf Stephen Crane, Annette Kolb, René Schickele und darauf, was Badenweiler für sie bedeutet hat. Der 28jährige Crane, erster naturalistischer Erzähler Amerikas, starb vier Jahre vor Tschechow wie dieser in Badenweiler, wo er sich vergeblich Heilung erhoffte, an Lungentuberkulose. René Schickele (Blick auf die Vogesen) und in seiner Nachbarschaft Annette Kolb (Die Schaukel) lebten hier in den zwanziger Jahren, bevor sie nach Frankreich emigrierten. Auch Hermann Hesse und Gabriele Wohmann findet man in der Kurhaus-Ausstellung zu Badenweiler mit Texten im Literarischen Museum in Beziehung gesetzt.

Tschechow aber, der hier die letzten drei Wochen seines Daseins dem Tode entgegenlebte, ist ein gegenwärtig gebliebener singulärer Großer der Weltliteratur, Badenweiler ist für Rußland seit langem ein Tschechow-Ort, wie er es in Deutschland zu werden scheint. Schon ist in der verdienstvollen Reihe Spuren der Marbacher Schiller-Gesellschaft das Heft Anton Tschechow in Badenweiler erschienen; schon begegnet man auf dem darin gezeichneten Literarischen Spaziergang durch Badenweiler kleinen Pilgergruppen, die mit dem Bus angereist sind.

Sie wandeln durch das Städtchen, werfen allenfalls nachlässige Blicke auf die Ruinen des Bades, wo einst die Römer ihre rheumatischen Glieder ins heiße Wasser tauchten. Fasziniert stehen sie hingegen vor dem ehrwürdigen Hotel Römerbad. "Erste Station des russischen Schriftstellers Anton P. Tschechow in Badenweiler im Juni 1904" heißt es auf einer Tafel am Eingang. In den Marbacher Spuren ist zu lesen, warum der Dichter alsbald wieder auszog: Lungenkranke wollte man hier nicht haben. Tschechows Ehefrau Olga Knipper-Tschechowa hat einen anderen Grund genannt: "Im Hotel ,Römerbad' war es uns zu voll und zu pompös." So ist es nachzulesen in den Liebesbriefen des Paares (S. Fischer Verlag).

Das erste Denkmal wurde zu Rüstungszwecken eingeschmolzen

Auf manche Ungereimtheit der Spurenlese stößt der Besucher in Badenweiler, dessen Tschechow-Salon von den Marbachern als "die erste Gedenkstätte für Tschechow im Westen" gerühmt wird. Tatsächlich konnte bereits 1908, nur vier Jahre nach seinem Tod, auf Initiative von Konstantin Stanislawskij, dem Regisseur des berühmten Moskauer Künstlertheaters, am Badenweiler Burgberg ein Tschechow-Denkmal mit großem Zeremoniell eingeweiht werden. Es überdauerte nur knapp 10 Jahre. 1918 wurde die 40 Kilogramm schwere Bronze zu Rüstungszwecken eingeschmolzen, weil sie - anders als das 1912 unterhalb der Tschechow-Büste eingeweihte Denkmal des Großherzogs Friedrich I. von Baden - laut behördlichem Gutachten keinen künstlerischen oder historischen Wert besaß.