Erinnern Sie sich noch an den Streich, den der Physiker Alan Sokal von der New York University im Jahr 1996 den Redakteuren der Zeitschrift Social Text spielte? Er war ziemlich einmalig: "Transgressing the Boundaries - Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity" (Grenzüberschreitung - zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation), so lautete der Titel eines schwerverständlichen Textes, den Sokal ins Blatt schmuggelte. Damals sahen viele darin eine brillante Parodie auf den postmodernen Unsinn, der in geisteswissenschaftlichen Analysen der Naturwissenschaft verzapft wird. Insbesondere Naturwissenschaftler wußten zu berichten, sie hätten sich köstlich amüsiert und schrecklich gelacht.

Für Ansichten der Art, wie sie Sokal satirisch aufs Korn nahm, lassen sich viele Textbeispiele finden. Betrachten wir beispielsweise die folgende Übertragung der Heisenbergschen Unschärferelation und des Bohrschen Komplementaritätsprinzips auf die Politik: "Die These ,Licht besteht aus Teilchen' und die Antithese ,Licht besteht aus Wellen' lagen miteinander im Streit, bis sie in der Synthese der Quantenmechanik verschmolzen ... Warum soll man das nicht auf die These Liberalismus (oder Kapitalismus), die Antithese Kommunismus anwenden und eine Synthese erwarten anstelle eines vollständigen und endgültigen Sieges der Antithese? Darin scheint eine gewisse Inkonsequenz zu liegen. Doch die Komplementaritätsidee reicht tiefer. Tatsächlich stellen These und Antithese zwei psychologische Beweggründe und ökonomische Kräfte dar, die beide in sich gerechtfertigt sind, sich aber in ihren Extremen wechselseitig ausschließen. Zwischen der Freiheit (f) und der Regulierung (r) muß es eine Beziehung von der Art f(r) = p geben ... Doch was hat es mit dieser politischen Konstante p auf sich? Die Antwort auf diese Frage muß ich einer künftigen Quantentheorie der menschlichen Angelegenheiten überlassen."

Bevor Sie sich schlapp lachen, sollte ich vielleicht den Autor nennen. Max Born, einer der Gründerväter der Quantentheorie, hat seine Worte nicht etwa ironisch gemeint, sondern aufrichtig geglaubt, daß "erkenntnistheoretische Lehren" aus der Physik "zu einem besseren Verständnis gesellschaftlicher und politischer Beziehungen beitragen" könnten.

Borns Äußerungen bilden keine Ausnahme. Für viele Leser dürften Wolfgang Paulis philosophische Schriften und seine wissenschaftliche Korrespondenz noch befremdender sein. Der große Physiker schrieb: "Dies ist es auch, was ich meine, wenn ich immer betone, daß Wissenschaft und Religion etwas miteinander zu tun haben müssen. (Ich meine nicht ,Religion innerhalb der Physik' und auch nicht ,Physik innerhalb der Religion' - denn beides wäre ja ,einseitig' - sondern Einordnung beider in ein Ganzes.) Was mir unter der neuen Wirklichkeitsidee vorschwebt, möchte ich versuchsweise nennen: die Idee der Wirklichkeit des Symbols ... Es hat etwas vom alten Gottesbegriff und auch etwas vom alten Dingbegriff. (Beispiel innerhalb der Physik: ,das Atom'. Die primären Qualitäten der Raumerfüllung sind ja verloren gegangen. Wäre es kein Symbol, wie könnte es ,sowohl Welle als auch Teilchen' sein?) Das Symbol ist symmetrisch in Bezug auf ,Diesseits' und ,Jenseits' ... Das Symbol ist wie ein Gott, der auf den Menschen wirkt ..."

Eines der absurderen Beispiele in Sokals Satire ist nach Bekunden des Autors der Schluß von der Quantenphysik auf Jacques Lacans psychoanalytische Ideen. "Selbst der naturwissenschaftlich unvorbelastete Leser sollte sich doch verblüfft fragen, was denn um Himmels willen die Quantentheorie mit der Psychoanalyse zu tun hat", schrieb Sokal in der Zeitschrift Lingua Franca, in der er seinen Streich aufdeckte. Indes, einen "tieferen Zusammenhang" zwischen Quantentheorie und Psychologie haben auch Pauli, Niels Bohr und Pascual Jordan in ihren Schriften erörtert. Jordan ist den "formalen" Parallelen zwischen Quantenphysik und Freudscher Psychoanalyse, ja sogar der Parapsychologie nachgegangen, während Pauli sich in vollem Ernst über die Beziehung zwischen Quantenkonzepten, Unbewußtem, Jungschen Archetypen und außersinnlicher Wahrnehmung ausgelassen hat.

Bohr war nicht weniger als der Dekonstruktivist Jacques Derrida wegen der Dunkelheit seines Stils verschrien. Allerdings reagieren Physiker höchst unterschiedlich auf die Schwerverständlichkeit von Derridas und Bohrs Schriften: bei Derrida mit Verachtung, bei Bohr mit Ehrfurcht. Immer wieder schreibt man die Schwierigkeiten, die der Leser mit Bohrs Worten hat, einer Tiefe und Feinsinnigkeit zu, die uns Normalsterblichen verschlossen bliebe.

Vielleicht kann ein anderes redaktionelles Versehen deutlich machen, was ich meine. In einer vielzitierten Zusammenstellung von Aufsätzen über die Quantentheorie, die John Wheeler und Wojciech Zurek herausgegeben hatten, waren die Seiten von Bohrs Artikel durcheinandergeraten. Dieser Aufsatz wird in der zeitgenössischen Literatur von Physikern und Wissenschaftsphilosophen häufig zitiert. Und doch hat sich meines Wissens noch niemand über die Unstimmigkeiten der Seitenanordnung beklagt, obwohl der Fehler sowohl in der gebundenen wie in der Taschenbuchausgabe vorliegt.