Soziologie und Nationalökonomie sind wie zwei ungleiche Schwestern. Ihr Forschungsgegenstand - die menschliche Gesellschaft - ist derselbe, doch ihre Sichtweisen unterscheiden sich fundamental: Die Ökonomen interessieren sich für das Allgemeine, die Soziologen für das Besondere. Der Homo oeconomicus, die Kunstfigur der Wirtschaftswissenschaft, maximiert mit kühler Überlegung Gewinn und Nutzen, der Homo sociologicus ist gebunden an Tradition, Familie und Neigungen; sein Handeln erklärt sich aus diesen Bindungen. Die Ökonomen interessiert, wie eine Volkswirtschaft wettbewerbsfähig bleiben kann, die Soziologen, was mit den betroffenen Menschen und ihren Familien unter dem Druck des Wettbewerbs geschieht.

Das Problem beginnt dort, wo die Bereiche sich überlappen. Wo einerseits Ökonomen die Gesellschaft wegzudefinieren versuchen und andererseits Wissenschaftler aus der Beobachtung soziologischer Phänomene ökonomische Gesetze herleiten. Letzteres vor allem geschieht bei der Diskussion um die Zukunft der Arbeit.

Einer der wichtigsten Wortführer dieser Debatte ist der Münchner Soziologe Ulrich Beck. Sein neuestes Buch, Schöne neue Arbeitswelt, ist jetzt als zweiter Band einer Reihe zur Expo 2000 bei Campus erschienen. Dreh- und Angelpunkt der Beckschen Argumentation ist die These, daß uns die Arbeit ausgeht, jedenfalls die Erwerbsarbeit, wie wir sie kennen.

Der Autor begründet das mit drei Argumenten: Erstens kann man mit der gleichen Arbeitsmenge immer mehr poduzieren, zweitens wird die Arbeit immer unübersichtlicher, und drittens ist das Arbeitsvolumen pro Kopf der Bevölkerung in der Bundesrepublik kontinuierlich gesunken. Daraus folgert Beck, daß sich die "Erwerbsgesellschaft" zur "Risikogesellschaft" wandelt.

In seinem neuen Buch entwickelt Beck diesen Gedanken fort: "Die ungewollte Folge der neoliberalen Utopie des freien Marktes ist die Brasilianisierung des Westens", schreibt Beck. "Es ist der Einbruch des Prekären, Diskontinuierlichen, Flockigen, Informellen in die westlichen Bastionen der Vollbeschäftigungsgesellschaft." Brasilianisierung bedeutet für Beck, daß immer mehr Menschen ohne sozialen Schutz, als Scheinselbständige oder schlicht schwarz arbeiten, daß oft mehrere Jobs zum Überleben notwendig sind und daß Gewerkschaften nichts mehr zu sagen haben. "Länder der sogenannten ,Vormoderne' mit ihrem hohen Anteil an informeller, multiaktiver Arbeit können den sogenannten ,spätmodernen' Ländern des Kernwestens das Spiegelbild vorhalten", schreibt Beck. Früher zeigte der Norden dem Süden, wie man arbeitet, heute ist es umgekehrt.

Die Brasilianisierung als Schreckgespenst? Beck bezieht seine große öffentliche Wirkung auch daher, daß er sich nicht darauf beschränkt, schwarzzumalen, sondern, ganz im Sinne von Ernst Bloch, nach dem "Prinzip Hoffnung" verfährt: Immer wenn es schwierig wird, ist der historische Fortschritt nahe. So bietet der "Abschied vom westlichen Universalismus der Arbeitsgesellschaft" laut Beck auch ungeheure Chancen: Der Norden kann die Illusion der Vollbeschäftigung aufgeben und von der Erwerbsgesellschaft in eine "Tätigkeitsgesellschaft" hinüberwachsen, in der Normalarbeit ebenso einen Platz hat wie informelle Arbeit (vulgo: Schwarzarbeit), in der Arbeit für die Familie, für die Kinder und für Vereine oder die Allgemeinheit aufgewertet wird. Der Schlüsselbegriff hier heißt "Bürgerarbeit".

Wer sich irgendwie für die Gemeinschaft einsetzt, etwa in einer Bürgerinitiative, wird dafür zwar nicht ent-, so doch belohnt. Das "Bürgergeld" für derlei Tätigkeiten könnte aus den Milliarden finanziert werden, die der Staat heute für Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe ausgibt. So kann man erstens die Arbeitslosigkeit überwinden und zweitens die Teilhabe der Bürger an der Demokratie nach dem Ende der Erwerbsarbeit sichern.