Der Professor ist mit seinen Studenten unzufrieden. "Sie stürzen sich mit Begeisterung auf die schwierigsten Texte von Foucault oder Derrida", resümiert der Wirtschaftshistoriker Gerald D. Feldman von der American Academy in Berlin, "aber wenn ich nach dem Goldstandard frage, sehe ich in den Augen der meisten nur den Nebel der Unwissenheit aufsteigen." Auch Thomas Bittner, Assistent am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Münster, muß seinen Studenten zuerst die Grundlagen ökonomischer Theorie beibringen. "Wer keine Bilanz lesen kann, wird sich kaum fundiert mit Unternehmensakten auseinandersetzen", argumentiert er. Gute Wirtschaftshistoriker sind deswegen eine rare Spezies - obwohl sie derzeit gefragt sind wie nie. Die Debatte um die NS-Vergangenheit der Unternehmen hat einen regelrechten Nachfrageboom ausgelöst.

An den Universitäten steckt das Fach jedoch in der Krise. Von jeher stand die Wirtschafts- und Sozialgeschichte zwischen den Fakultäten der Wirtschaftsund Geschichtswissenschaften. Ursprünglich fest in den Händen der Ökonomen, öffnete es sich in den sechziger Jahren zunehmend für Studenten der Geschichte. Heute ist das Verhältnis in etwa ausgewogen, die Wirtschaftsgeschichte meist als Wahlpflichtfach zu etwa gleichen Teilen in beiden Fakultäten verankert.

Doch die bislang fruchtbare Zwittergestalt droht zum Problem zu werden. Bei den Ökonomen setzen sich die Betriebswirtschaftler mit geringem Interesse an Geschichte gegenüber den Volkswirten durch; die Historiker wiederum kümmern sich lieber um Alltags- und Sozialgeschichte, als sich mit ökonomischem Zahlenmaterial herumzuschlagen.

Symptomatisch für die Krise des Fachs ist, daß etliche Lehrstühle verwaist sind. Assistent Thomas Bittner zum Beispiel ist in Münster jetzt der einzige Wirtschaftler an dem Lehrstuhl, den Richard Hugh Tilly bis vor einem Jahr innehatte. Seit der Emeritierung des Professors verwaltet die Geschichtsfakultät die Stelle kommissarisch, eine Wiederbesetzung durch die bisher zuständigen Wirtschaftswissenschaften ist nicht in Sicht.

Im Osten wurde die Wirtschafts- und Sozialgeschichte nach der Wende nur an 9 Fakultäten eingerichtet, im Westen ist der Fortbestand einiger der knapp 50 Lehrstühle nicht mehr sicher. Wegen des allgemeinen Sparzwangs werden Stellen wie in Aachen auf eine C-3-Professur zurückgestuft, andere nach der Emeritierung der Inhaber nicht mehr besetzt. Karl Hardach in Düsseldorf und Wolfram Fischer in Berlin sind neben Richard Tilly aktuelle Beispiele.

Die Schließung des Münsteraner Lehrstuhls ist für all diejenigen ein Rückschlag, die unter Federführung des Kölner Professors Toni Pierenkemper eine stärkere Bindung an die Ökonomie fordern. Tilly war einer der wenigen Vertreter der New Economic History in Deutschland. Er versuchte, ökonomische Lehrsätze anhand von Fallbeispielen mit statistischen Methoden zu belegen.

Darin sieht auch sein Assistent die Zukunft der Disziplin: "Viele wirtschaftliche Gesetze lassen sich nur mit langen Zeitreihen nachprüfen. Unsere Ergebnisse können fundierte Argumente zu den aktuellen Diskussionen beisteuern." Als Beispiel nennt Bittner die Frage, in welchem Maße Zinssenkungen tatsächlich die Investitionen ankurbeln.