Auf die Arlington Road platscht Blut. Ein Junge taumelt den Mittelstreifen entlang, sein Blick wirkt apathisch, sein Mund schmerzverzerrt. Aus dem Off fordern flüsternde Stimmen: "Come on! Do it!" Plötzlich fliegt ein Wagen um die Ecke und bremst Zentimeter vor dem Jungen. Ein Mann springt heraus, bindet mit seinem Schlips den schwer verwundeten Arm des Kindes ab und rast zum nächsten Krankenhaus, wo wenig später auch die Eltern eintreffen. Es sind Nachbarn des Retters, vor ein paar Monaten in die Gegend gezogen, aber erst jetzt lernen sie ihn kennen. Der Schrecken schweißt die drei unwillkürlich zusammen. Vorspann! Nach nicht einmal fünf Minuten weiß jeder: Die Idylle der Einfamilienhäuser in der Arlington Road täuscht. Ja, befindet sich nicht ganz in der Nähe sogar Washingtons Nationalfriedhof für heldenhafte Soldaten und Politiker wie den ermordeten John F. Kennedy? Das Erdbeben der Symbole erreicht neun auf der nach oben offenen Thrillerskala!

Anders als in Psychothrillern der siebziger oder achtziger Jahre muß Regisseur Mark Pellington die Idylle gar nicht mehr vorführen, um sie zu zerstören. Diese Arbeit haben ihm John Carpenter, Brian de Palma und David Lynch abgenommen. Pellington begeistert sich für die Angst vor Verschwörungen und die dadurch eingeschränkte Wahrnehmung von Wirklichkeit.

Solche Stoffe haben in den USA Konjunktur. Sie offenbaren eine weitverbreitete Verunsicherung in der amerikanischen Gesellschaft, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Verschwinden des schlichten Feindbilds, das von Konflikten in der eigenen Gesellschaft ablenkte, wächst. An seine Stelle trat zunächst der Irak, symbolisiert durch den absolut feindbildtauglichen Schnurrbartträger Saddam Hussein. In den letzten Jahren jedoch schockierte der schrecklichste denkbare Feind die USA: Amerikaner als Terroristen. Seit den Anschlägen des Una-Bombers und dem verheerenden Bombenattentat Timothy McVeighs und Terry Nichols auf das Regierungsgebäude in Oklahoma, bei dem 168 Menschen starben, steht die amerikanische Gesellschaft vor der schrecklichen Frage: Wie konnte es so weit kommen, daß konservative und bodenständige Bürger gegen ihr Land gewaltsam revoltieren? Die Antwort: dicke Studien von Politologen und Soziologen, Überwachungswahn des FBI und natürlich Hollywoodfilme. Genauso traktierten die Bundesdeutschen in den siebziger Jahren den Terrorismus. Filme wie Die bleierne Zeit oder Stammheim dokumentierten den Terror, wenn auch nicht so unterhaltsam wie Hollywood.

Arlington Road spiegelt die gesellschaftliche Verunsicherung in den USA ebenso wie deren Auswirkungen auf die Psyche der Individuen: Ist Oliver Lang ein Terrorist, oder ist der Geschichtsprofessor Faraday nur verrückt geworden? Pellington spielt mit dieser Konstellation nicht nur oberflächlich, sondern er dekonstruiert seine Figuren, indem er gängige psychologische und psychoanalytische Interpretationsmuster bedient. Auf der einen Seite hat Lang als 16jähriger tatsächlich einmal eine Bombe geworfen. Kann er überhaupt die Prägungen seiner Jugend überwinden - oder ist seine Neigung zur Gewalt nicht determiniert? Faraday auf der anderen Seite ist tatsächlich "verrückt", aus der Bahn geworfen durch den Tod seiner Frau.

Mark Pellington löst die Identitäten der Charaktere zunehmend auf, Wahrheit und Wahrnehmung werden zu ambivalenten Gegensätzen. Aber: Dieses raffinierte Spiel, mit dem uns Pellington in die Irre führt, dauert nur gut eine Stunde. Dann mutiert der Psychothriller zum spannenden, aber konventionellen Actionkrimi. Der Retter jagt den Terroristen und umgekehrt - bis eine Bombe explodiert. Der überraschende Epilog, der noch einmal den Bogen zum subtilen Psychospiel schlagen soll, wirkt da leider nur wie ein angeklebter Schnipsel aus dem falschen Film. Schade.