Es war später Abend. Die Putzfrau Mira Stankovic hatte Schmerzen in den Beinen. Sie arbeitete nicht mehr als vier Stunden, aber in ihrem Alter reichte das aus, um sie müde zu machen. Die Einkaufstüte zerrte an ihren Armen. Sie entschied sich, die Abkürzung durch den Park zu nehmen. Zu ihrer Überraschung saßen noch viele Menschen auf den Parkbänken. Sie blickten in den klaren Nachthimmel. Als sich Mira Stankovic zu ihnen gesellte, nahmen sie keine Notiz von ihr. Unwillkürlich legte auch sie den Kopf in den Nacken. Sterne. Eine dünne Mondsichel.

Mira Stankovic wollte sich gerade abwenden, um zu fragen, worauf die Menschen warteten, da sah sie einen gelborangen Leuchtkörper am Himmel. Langsam sank er zu Boden. Er zog einen zitternden, dünnen Schweif hinter sich her. Kurz bevor er zu Boden ging, schien das unbekannte Objekt in der Luft stillzustehen. Dann ein Wummern. Flammen schossen auf, als würde die Erde Feuer speien.

Sie wußte nichts von lasergelenkten Flugkörpern, von "chirurgischen Waffen", nichts von den Versicherungen der Nato-Generäle, sie würden collateral damage, also Tote, vermeiden. Mira Stankovic konnte nur an den 6. April 1941 denken. In jener Nacht hatte eine Bomberflotte der deutschen Luftwaffe die Stadt verwüstet.

In Belgrad schien der Krieg ein Phänomen der Vergangenheit zu sein - bis zur Nato-Intervention. "Wir haben das nicht erwartet, wirklich nicht", sagte Vuk Drackovic, der Vizepremier der Republik Jugoslawien, nach der ersten Bombennacht zu ausländischen Journalisten. Sein Erstaunen war echt. Kaum jemand hier wollte glauben, daß die Nato intervenieren würde. Sie hatte viel zu oft nur gedroht. Das mächtigste Militärbündnis der Welt wurde als Papiertiger verspottet.

Der Krieg war in Belgrad immer der Krieg der anderen

Es gibt auch einen tieferen Grund für das ehrliche Erstaunen der Belgrader: Sie lebten eine Lebenslüge. Obwohl Jugoslawien in alle Balkan-Kriegen seit 1991 verwickelt war, gaben sich die Serben im Mutterland der Vorstellung hin, mit ihnen habe der Krieg nichts zu tun. Die kroatische Stadt Vukovar ging im Artilleriefeuer der Jugoslawischen Volksarmee unter, Leichen in den Massengräbern Bosniens steckten in Plastiksäcken derselben Volksarmee, Freiwillige aus Belgrad zogen marodierend durch Dörfer und Städte Bosniens und Kroatiens. Trotzdem gelang es dem Serbenführer Slobodan Milocevic, seine Landsleute zu überzeugen, daß sie sich nie im Krieg befunden hätten. Sein Staatsfernsehen hetzte jahrelang gegen "Mörder, Schlächter und Söldner" jenseits der Grenzen.

Milocevic hatte über die Jahre viele Gegner - in einem Punkt stimmen fast alle seine Gegenspieler mit ihm überein: Wir, die Serben, tragen keine Verantwortung! Das ist eines der Geheimnisse des Mannes, der trotz des Desasters, das er unter aller Augen angerichtet hat, immer noch der populärste unter Serbiens Politikern ist. Geholfen hat ihm dabei der Westen. Das Dayton-Abkommen schlug Milocevic im Jahre 1995 zum Ritter des Friedens. Warum sollten die Serben in Belgrad das nicht als Freispruch auffassen? Krieg war hier immer der Krieg der anderen.