Der Markt für Reiseführer wächst und wächst. Waren vor zehn Jahren drei Viertel aller Touristen ohne die gedruckten Begleiter unterwegs, sind es inzwischen nur noch etwas mehr als die Hälfte. Gestiegen ist nicht nur die Auflage der jeweiligen Bände, sondern auch die Anzahl der Titel und der Reihen. Hinzu kommt, daß die meisten Verlage ihre bereits erschienenen Bücher ständig aktualisieren oder sogar umfassend überarbeiten: Reiseführer sind eine schnell verderbliche Ware.

Den einen umfassend gültigen Cicerone für alle Urlaubsformen gibt es längst nicht mehr. Statt dessen wenden sich zahlreiche Buchserien an Touristen, die jeweils wandern oder baden, Motorrad fahren oder die architektonischen Schätze der besuchten Region genießen wollen. Diese Spezialisierung der Bedürfnisse bringt fortwährend neue Reihen hervor, die sich gegenüber den bereits vorhandenen oft mit neuen Extras profilieren. So erscheinen jetzt zum Beispiel bei DuMont Wanderführer, die sich durch einen besonderen Service empfehlen: Den einzelnen Routen ist ein Höhenprofil beigegeben, das es erlaubt, vor Beginn der Tour noch einmal zu überlegen, ob man sich die jeweilige Steigung wirklich zutraut oder lieber auf einen anderen Pfad ausweicht.

Neben der Hinwendung zu besonderen Zielgruppen läßt sich in bestimmten Bereichen aber auch ein Trend zur Vereinheitlichung erkennen. So setzen die meisten Verlage inzwischen auf Farbleitsysteme am Seitenrand, die den schnellen Zugriff auf bestimmte Informationen ermöglichen, auf Routenvorschläge etwa sowie zunehmend auf sorgfältig gestaltete Karten und Pläne.

Diese Elemente dominieren besonders die untere Preisgruppe der Reiseführer bis 15 Mark. Hier konkurrieren mit Merian Live, Marco Polo und Polyglott gleich drei auflagenstarke Reihen ähnlicher Machart um Käufer. Sie enthalten auf ungefähr 120 Seiten solide Grundinformationen, die für einen kürzeren Urlaub in der Regel ausreichen. Gemeinsam ist ihnen der ausgeprägte Servicecharakter, der die Autoren, so scheint es, im Zweifel lieber ein Restaurant oder Hotel mehr und dafür ein Architekturdenkmal oder Museum weniger aufführen läßt.

Bei Marco Polo überarbeitet man gegenwärtig alle Bände, einige sind bereits in neuer Aufmachung erschienen und enthalten jetzt einen größeren Kartenteil. Die Rubrik "Bloß nicht", die vor den besonderen Fettnäpfen und Fallen des Urlaubszieles warnt, ist mindestens so vergnüglich zu lesen wie hilfreich. Allerdings neigen einige Marco-Polo-Autoren zu Platitüden: "Feste sind Höhepunkte des kretischen Jahres" - wer hätte das gedacht? Sonderbar sind auch Ratschläge, die darauf abzielen, den Einheimischen spezielle Unsitten auszutreiben. So empfiehlt der Autor des zuletzt 1998 erschienenen Mallorca- Bandes, im Restaurant jeden Gang des Menüs einzeln zu bestellen: "Das ärgert den Kellner, wirkt aber erzieherisch und führt automatisch zu aufmerksamerem Service." Daß Deutsche im Ausland so beliebt sind, liegt sicher mit an solchen Tips.

Der harte Konkurrenzkampf führt zu einem insgesamt hohen Niveau

Auch die Merian-Live-Reihe wurde überarbeitet und um neue Rubriken wie Entfernungstabelle und Nebenkostenübersicht ergänzt, andere Elemente (Register, Inhaltsverzeichnis) wurden erweitert und die Beschreibungen interessanter Ziele konsequent mit Koordinaten zur Orientierung auf den beigegebenen Karten versehen. Im Ergebnis wirken die neuen Bände, die sich Kuba, Kapstadt, San Francisco und Dublin widmen, erheblich übersichtlicher.