Weisheiten über das Handwerk sind vermutlich älter als die in Zünften organisierte Menschheit selbst. Am bekanntesten dürfte das Sprichwort vom "goldenen Boden" sein, auf dem dieser Wirtschaftszweig sich angeblich seit Jahrhunderten bewegt. Weniger bekannt dagegen ist Friedrich Nietzsches Warnung vor der "bleiernen Decke", die im Gegensatz zum "goldenen Boden" über dem Handwerk schwebe und, so Nietzsche in seiner Fröhlichen Wissenschaft, "auf die Seele drückt und drückt". Wollte der kritische Philosoph vielleicht seine eigenen Zunftbrüder, die Kopfarbeiter, vor dem Einstieg ins damals noch schweißtreibende Handwerk warnen? Seine Fürsorge wäre heute kaum angebracht, denn immer häufiger interessieren sich Hochschulabsolventen für eine mögliche Karriere im Handwerk, und zwar sowohl im Management als auch - und dies mit zunehmender Tendenz - als Fachbetrieb in der Handwerksrolle. Ihre Chancen sind so gut wie nie zuvor.

Von den rund 840000 selbständigen Handwerksbetrieben der Bundesrepublik werden in den nächsten fünf bis sieben Jahren infolge des Erreichens der Altersgrenze etwa 200000 Inhaber den Werkzeugkasten schließen oder in andere Hände übergeben, schätzt Wilfried Brüggemann vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in Bonn. Nicht immer ist die Nachfolge gesichert, zumal in diesem Wirtschaftsbereich in den letzten Jahrzehnten der Nachwuchs fehlte. Allzugern entschlossen sich Jugendliche anstelle einer Handwerkslehre zu den ihrer Meinung nach saubereren Büroberufen oder strebten direkt über Fachhochschulreife und Abitur an die Universität. In manchen Branchen "mauerte" man auch selbst bei der Ausbildung, um die Pfründe in der Zukunft nicht mit zu vielen Mitbewerbern teilen zu müssen, wie selbst Innungsmeister gelegentlich augenzwinkernd zugeben. Hier und da rächt sich diese Personalpolitik heute.

Es kann für Akademiker sinnvoll sein, in sogenannten Brückenkursen die bei der Meisterausbildung zu erwerbenden Grundkenntnisse in Betriebswirtschaftslehre und Recht nachzuholen. Probleme dürfte dies nicht bereiten, denn was der Malergeselle schaffen kann, wird den klausurgeprüften Elektroingenieur kaum umwerfen. Auch der Ausbildungseignungsnachweis, für die Beschäftigung von Nachwuchs unabdingbar, ist schnell erworben.

Der Meisterbetrieb schließt, aber er macht nicht Konkurs

Typische Domänen für den Einstieg ins Handwerk sind die Bauwirtschaft sowie die Metall- und Elektroberufe. Rudolf Herwig, Geschäftsführer beim Bayerischen Handwerkstag in München, sieht "im Hinblick auf die technologische Entwicklung, die Globalisierung der Märkte und die zunehmende Komplexität von Aufträgen" gute Chancen für Uni-Absolventen in Handwerksberufen. Seiner Meinung nach "wird daher auch der Bedarf insbesondere von Fachhochschulabsolventen im Handwerk weiter zunehmen".

Dies bestätigt Michael Koch, Hauptgeschäftsführer des Niedersächsischen Handwerkstages in Hannover. Er weist zusätzlich auf den historischen Augenblick hin und empfiehlt: "Im Zuge des sogenannten Generationswechsels suchen mehrere tausend Handwerksmeister in den nächsten Jahren Nachfolger. Diese Chancen sollten Hochschulabsolventen nutzen."

In Bayern hat man sich bereits auf den neuen Trend eingestellt. Der Handwerkstag hat vorausschauend mit dem Wissenschaftsminister eine enge Zusammenarbeit vereinbart. Andere Bundesländer tun sich noch schwer bei dem Schulterschluß zwischen Hochschule und Handwerk. Zu lange ist man sich zwar höflich, aber gleichgültig aus dem Weg gegangen.