Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal

Im November 1989 fiel die Berliner Mauer. Zur gleichen Zeit ließ sich der "Förderkreis zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas"ins Vereinsregister eintragen. Diese Initiative hat ein lange zauderndes Parlament endlich in Bewegung gebracht. Fast ein Jahrzehnt später, nach zwei Ausschreibungen, vielen Diskussionsrunden, dem Stillstand des vergangenen Herbstes, hat der zuständige Bundestagsausschuß mit einer Anhörung zur Frage des Warum, Wo und Wie des zentralen Holocaust-Denkmals begonnen. Die von Walser angestoßene Debatte hat das Blatt gewendet. Der Schuß ging nach hinten los. Die politische Öffentlichkeit hat sich freilich von den Rülpsern einer unverdauten Vergangenheit, die aus dem Bauch der Bundesrepublik in regelmäßigen Abständen aufsteigen, diesmal nur dank der Courage - das war das Beunruhigende - eines prominenten Juden befreien können.

Vor der Sommerpause soll der Bundestag über das Vorhaben endgültig entscheiden. Täuschen wir uns nicht. In der fünfzigjährigen Geschichte der Bundesrepublik ist dies der erste Zeitpunkt, an dem ein parlamentarisches Votum für ein solches unübersehbar in die Zukunft hineinragendes Zeichen einer geläuterten kollektiven Identität der Deutschen überhaupt in den Bereich des Möglichen rückt. Es scheint auch der letzte Zeitpunkt zu sein, an dem das noch möglich ist. Eine Berliner Republik, die der falschen, der monumentalen Vergangenheit gewidmet werden soll, wirft ihre Schatten voraus.

Schröder, der den Berliner Reichstag, das künftige Parlamentsgebäude des Bundestages, "Reichstag" genannt haben möchte, wendet sich gegen die "Unart, dem Volk den erhobenen Zeigefinger zu zeigen", wo andere schon von "Diskurspolizei" sprechen. Es ist ja wahr, von Heuss und Heinemann bis Herzog und Rau hat zwischen veröffentlichter Meinung, offiziellem Sprachgebrauch und formeller Rede auf der einen, gesundem Volksvorurteil und Stammtischgeschwätz auf der anderen Seite nicht nur eine Differenz der Sprachebenen, sondern ein sprachfilterndes Gefälle bestanden. Dem sind gelegentlich, armer Jenninger, auch die Falschen zum Opfer gefallen. Aber jener Filter war eine wesentliche Voraussetzung für die allmähliche Verfertigung einer liberalen, über tiefe innenpolitische Gräben hinweg erkämpften politischen Kultur. Fortan wird also nicht nur im Volksmund die Institution ans Gebäude, der "Bundestag" an den "Reichstag" assimiliert - und so mit einer Institution des Kaiserreiches assoziiert. Der amtierende Kanzler ist drauf und dran, in die Nachgeschichte einer Republik, die glücklicherweise noch lernte, statt aufzutrumpfen, als Plattmacher einzugehen. Jenem Denkmal, das ein Stachel bleiben soll, zieht er ein gefälliges Stadtschloß vor - als stimmungsvolle Kulisse für den Verfall aller Unterscheidungen, die noch einen Unterschied machen.

Die leidenschaftliche Kontroverse über das geplante Denkmal wird seit Jahren mit Ernst und auf hohem Niveau ausgetragen. Sie hat in der Frage des Verfahrens, aber auch in der Sache zu Klärungen geführt. Über Sinn und Funktion des Denkmals ist man sich heute einig, während Fragen der ästhetischen Gestaltung aus gutem Grunde umstritten bleiben. Eine wichtige Frage ist offengeblieben: ob das Denkmal allein den ermordeten Juden gewidmet werden soll. Beginnen wir mit der Frage nach dem Sinn des Vorhabens: Wer will eigentlich was mit diesem Mahnmal ausdrücken? sowie mit der Frage nach seinem Zweck: Wozu soll es dienen und an wen richtet sich seine Botschaft?

Der Sinn des Denkmals

Die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts hat fast überall die nationalen Traditionen aus ihrer Fraglosigkeit aufgescheucht. Die kollektive Identität von Staatsbürgernationen ist auch andernorts in Fluß geraten. Aus mehr oder weniger kontingenten Anlässen - Skandalen und Gerichtsverfahren, sensiblen Gesetzesvorhaben, historischen Darstellungen, Filmen, Fernsehserien und so weiter - entstehen öffentliche Kontroversen, die Fragen des politischen Selbstverständnisses berühren. Dann wird darüber gestritten, welches Bild die Bürger eines Landes von sich haben - wer sie sind und sein wollen. In der frühen Bundesrepublik gab es zahlreiche Anlässe dieser Art - die Politik der Wiederbewaffnung, den Fall des Ministerialrats Globke, die Aufführung von Veit-Harlan-Filmen, die Entführung des Verfassungsschutzpräsidenten John, die Frage der Verjährung von Straftaten der NS-Zeit, das Tragen von Orden des Dritten Reiches, die atomare Ausrüstung der Bundeswehr, natürlich den ersten großen Auschwitz-Prozeß in Frankfurt, der den Vorwurf zur Ermittlung von Peter Weiss abgab.

Diese Anlässe haben sich bis heute, bis zur Wehrmachtsausstellung, zur Goldhagen-Debatte, zur Frage der Verwicklung der Banken und Großunternehmen in die NS-Vernichtungspraktiken, vervielfacht. Gleichzeitig haben sich die Diskussionen immer stärker auf eine Frage konzentriert. Trotz ihrer zunehmenden Virulenz hatte diese Frage allerdings eine durchschlagende, ja mentalitätsbildende Kraft von Anfang an: Übernehmen wir, die wir als Bürger der Bundesrepublik Deutschland in der politisch-rechtlichen und kulturellen Nachfolge des Staates und der Gesellschaft der "Tätergeneration" stehen, eine historische Haftung für die Konsequenzen ihrer Taten? Machen wir die selbstkritische Erinnerung an "Auschwitz" - die wachgehaltene Reflexion auf das mit diesem Namen verbundene Geschehen - explizit zum Bestandteil unseres politischen Selbstverständnisses? Akzeptieren wir die beunruhigende politische Verantwortung, die den später Geborenen aus dem von Deutschen verübten, unterstützten und geduldeten Zivilisationsbruch erwächst, als Element einer gebrochenen nationalen Identität? "Gebrochen" insofern, als diese Verantwortung den Willen zur Diskontinuierung irreführender Denkweisen in der Kontinuität eigener Überlieferungen bedeutet. Als mithaftende Nachfahren sagen wir das "Nie wieder" zu uns selbst. Der Bruch in der Fortsetzung unserer tragenden Traditionen ist die Bedingung wiedererlangter Selbstachtung.

Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal

Wer setzt das Denkmal?

Damit schließt sich der Kreis der Urheber, die ein solches Denkmal wollen können. Wichtig ist das nichtetatistische Verständnis einer Initiative, die von der Gesellschaft der Bürger ausgeht und daher eine differenzierte Betrachtung der Beteiligten erlaubt. Nicht die jüdischen Deutschen, nicht die hier lebenden Sinti und Roma, nicht die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eingebürgerten Immigranten können sagen, was dieses Denkmal ausdrücken soll. Stifter sind diejenigen Bürger, die sich als die unmittelbaren Erben einer Kultur, in der das möglich war, vorfinden - in einem Traditionszusammenhang, den sie mit der Tätergeneration teilen. Mit ihrem Denkmal stellen sie gleichzeitig einen Bezug zu den Tätern, zu den Opfern und deren Nachkommen her.

Da wir nicht wissen können, wie wir selbst uns verhalten hätten, erklärt sich eine gewisse Zurückhaltung in der moralischen Beurteilung der Fehler der eigenen Eltern und Großeltern nicht nur psychologisch aus der Hemmung gegenüber den Nächsten. Als Bürger dieses Landes nehmen wir ein Interesse am dunkelsten Kapitel unserer Geschichte - am kriminellen Verhalten der Täter und dem problematischen Tun und Lassen der Tätergeneration - vor allem im Hinblick auf eine kritische Vergewisserung der eigenen politischen Identität. Dabei variiert die Bereitschaft, im historischen Rückblick den wahren Umfang von Schuld und Mitwissen zu erkennen und anzuerkennen, mit dem heutigen Verständnis von Freiheit - wie wir uns als verantwortliche Personen einschätzen und wieviel wir uns selbst als politisch Handelnden zumuten. Wie wir retrospektiv Schuld und Unschuld verteilt sehen - das war der politisch-ethische Kern der Goldhagen-Kontroverse -, spiegelt die Normen, nach denen wir uns heute gegenseitig als Bürger dieser Republik achten wollen.

Andererseits darf das Gedenken an die Opfer für diesen Bezug auf ein partikulares "Wir" nicht einfach funktionalisiert werden. Die Erinnerung an den Massenmord steht gewiß im Zusammenhang der politischen Selbstverständigung der heutigen Generationen. Aber eine ausschließliche Konzentration auf das, was die Tat und die Täter für uns bedeuten, müßte den moralischen Kern des Mitleidens mit den Opfern aushöhlen. Der unbedingte moralische Impuls zum Erinnern darf nicht durch den Kontext der Selbstvergewisserung relativiert werden. Der Opfer - und dieser erst recht - können wir ernsthaft nur um ihrer selbst willen gedenken. Das war die richtige, wenn auch unvollständige Intuition, die den Förderkreis bei seiner Initiative ursprünglich geleitet hat.

Der Wert der schwachen, ja vergeblichen Kraft anamnetischer Solidarität geht erst recht verloren, wenn sich der Selbstbezug narzißtisch verselbständigt - und das Denkmal zum "Schandmal" wird. Wer Auschwitz für "unsere Schande" hält, ist an dem Bild interessiert, das andere von uns haben, nicht an dem Bild, das die Bürger der Bundesrepublik im Rückblick auf den Zivilisationsbruch von sich ausbilden, um sich selbst ins Gesicht sehen und gegenseitig achten zu können.

Mit einem Denkmal für die ermordeten Juden versuchen wir, mit uns selbst ins reine zu kommen. Wir erfüllen damit nicht die Erwartung von anderen, sei es innerhalb oder außerhalb Deutschlands. Die Vergangenheit trennt die Nachkommen der Täter von denen der Opfer. Diese gespaltene Vergangenheit wird das gemeinsame Handeln der Bürger in der Gegenwart nur dann nicht blockieren, wenn die eine Seite glaubwürdig für Verhältnisse einsteht, die für die andere Seite ein Zusammenleben erst möglich und vielleicht erträglich machen. Ein Holocaust-Denkmal ist auch Ausdruck dieser zivilen Rücksichtnahme auf die Nachkommen der Opfer.

Unter Beachtung der delikaten Rollenverteilung haben sich jüdische Mitbürger produktiv an der Debatte beteiligt. Nicht unmittelbar betroffen sind die inzwischen eingebürgerten Immigranten, die weder zur einen noch zur anderen Seite gehören. Sie haben sich allerdings mit ihrem Entschluß zur Einbürgerung auf eine politische Kultur eingelassen, deren historische Hypotheken sie kannten. Sie mögen andere Dinge als relevant ansehen und werden eines Tages im kulturellen Gedächtnis der Nation eigene Spuren hinterlassen haben. Aber heute können sie ihre Stimme nur im bestehenden Kontext zur Geltung bringen. Denn auf legitime Weise können sich im demokratischen Verfassungsstaat die Parameter der öffentlichen Diskurse nur von innen heraus verändern.

Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal

Der Zweck und die Adressaten

Als Bürger dieses Landes suchen die heute lebenden Deutschen einen symbolischen Ausdruck für ihr politisches, durch den historischen Bezug auf Auschwitz wesentlich charakterisiertes Selbstverständnis. Damit wollen sie die Identität einer den Bürgerrechten verpflichteten Nation in der Lesart bekräftigen, die unserer Geschichte angemessen ist. Dieser Aussagesinn des Denkmals erlaubt noch keine eindeutige Auskunft darüber, für was und für wen es bestimmt ist, wo es stehen und wie es aussehen soll. Es kann nicht der Zweck dieses Denkmals sein, den Holocaust als "Gründungsmythos der Bundesrepublik" einzusetzen.

Aus Anlaß der Walser-Debatte hat Karl-Heinz Bohrer (in der NZZ vom 12./13.12.98) eindringlich versucht, diesen trüben Affekt mit einem guten Argument aufzuhellen: "Gedächtnis entsteht nur dann, wenn es ein Gedächtnis von Vielem gibt." Das wird niemand bestreiten. Aber der historische Rückbezug auf Auschwitz soll und kann den Blick der Bürger (und nur um deren politisches Selbstverständnis geht es, nicht um die historische Forschung!) nicht auf "das eine" fixieren, das alles andere ausblendet. Jede halbwegs vernünftige Traditionsaneignung setzt eine perspektivenreiche Geschichtswahrnehmung voraus. Bei der identitätsbildenden Verarbeitung des "vielen" funktioniert allerdings die Erinnerung an "Auschwitz" als eine Art Monitor, der zum Sondieren anhält, weil wir nach Auschwitz nationales Selbstbewußtsein nur noch aus den besseren Traditionen unserer nicht länger unbesehenen, sondern kritisch angeeigneten Geschichte gewinnen können.

Obgleich die öffentliche Bekräftigung eines solchen Selbstverständnisses den Wunsch nach Verstetigung ein-schließt, können die gegenwärtigen Generationen Unwiderruflichkeit nur für sich selbst beanspruchen. Sie können künftige Generationen nicht binden - und sollten es auch nicht wollen. Natürlich richtet sich der symbolisch zum Denkmal gerinnende Akt der Selbstvergewisserung, der ja nicht zufällig den Beginn der Berliner Republik markieren soll, an die Deutschen von morgen. Das Denkmal hat den Zweck, künftige Generationen zur Stellungnahme aufzufordern. Sie sollen zu dem Stellung nehmen, was das Denkmal ausdrückt - was Auschwitz für die Identität der Deutschen ein halbes Jahrhundert danach bedeutet hat. Sie sollen sich dieser Stellungnahme, wie immer sie ausfallen mag, nicht durch Wegsehen und Gleichgültigkeit entziehen. In dieser Hinsicht wird das Denkmal - "Denkmal" nimmt übrigens erst im 17. Jahrhundert die engere Bedeutung von "Monument" an - zu einem "Mahnmal".

Das Wie der Gestaltung

Aus dem Zweck ergibt sich, warum weder die Authentizität von Überresten oder Gedächtnisorten, die ein vergangenes Geschehen dokumentieren, noch der aufklärende Inhalt von Museen, Sammlungen oder Archiven ein Denkmal ersetzen können. Nur ein Denkmal kann den Willen und die Botschaft seiner Stifter bezeugen. Und nur eine kompromißlose Kunst bietet dafür die geeignete Sprache. Wer es etwas gemütlicher oder etwas diskursiver haben möchte, hat Sinn und Zweck des Vorhabens nicht begriffen. Der Zeigefinger der Museums- und Geschichtsstättenpädagogik ist etwas anderes als der des Johannes auf dem Altarbild von Matthias Grünewald.

Natürlich kann sich eine radikal säkularisierte Politik nicht mehr auf religiöse Bezüge stützen. In der späten Moderne gibt es keinen allgemein geteilten Kontext mehr, worin überlieferte symbolische Ausdrucksformen und rituelle Praktiken begründungsfrei kollektive Verbindlichkeiten erzeugen könnten. Die Wirkung eines Denkmals, das ästhetisch nicht mißlingt, zehrt heute immer auch vom schwankenden Reservoir der Gründe, die zu seiner Errichtung geführt haben. Andererseits kann sich das kulturelle Gedächtnis einer Nation, das ja nicht mit privater Erinnerung verwechselt werden darf, nicht allein im diskursiven Medium von Geschichtsschreibung, Literatur und Unterricht fortpflanzen. Nach wie vor verlangt es symbolische Darstellung und Ritualisierung, obgleich die Formen und Ideen, die ein solches Vorhaben inspirieren, im Säurebad erbarmungsloser öffentlicher Diskurse jedes Scheins von Naturwüchsigkeit entkleidet werden.

Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal

Eine Darstellung des Zivilisationsbruchs mit Mitteln der Kunst ist schwierig, vielleicht unmöglich. Aber für den Akt, der hier seinen symbolischen Ausdruck sucht, gibt es kein besseres Medium als das der bildenden Kunst - als die abstrakte Formensprache der modernen Kunst, deren spröde Verschlossenheit noch am ehesten vor Peinlichkeiten und Verharmlosungen bewahrt. Jeder konkretisierende Zusatz führt in die Falle falscher Abstraktionen. Beispielsweise würde hinter dem allgemeinen Satz "Du sollst nicht töten" der unerbittlich-spezifische Sinn des Unausdenklichen auch dann verschwinden, wenn man das Gebot auf hebräisch wiederholt und in den verschiedenen Landessprachen der Ermordeten durchbuchstabiert. Mit Verletzungen des fünften Gebots müssen wir seit Menschengedenken leben, mit dem Holocaust seit wenig mehr als einem Menschenalter. Gewiß, ich hätte mir auch einen anderen Ort und eine andere Gestalt als das Stelenfeld von Serra und Eisenman vorstellen können - zum Beispiel den von Salomon Korn vorgeschlagenen "abgrundtiefen Spalt" vor dem Eingang zum Berliner Parlamentsgebäude, über den dann jeder hinwegmüßte, der den Bundestag betritt oder verläßt. Als Reflex jenes Risses in der Fassade des Jüdischen Gemeindehauses in Frankfurt wäre das Projekt freilich eine Entlehnung gewesen.

Ästhetische Diskurse lassen sich ohnehin nicht in der Erwartung einer "einzig richtigen Antwort" führen. Unter dieser Prämisse muß es genügen, daß es zu dem Entwurf, auf den die politische Diskussion jetzt zuzulaufen scheint, keine erkennbar bessere Alternative gibt. Nicht auf die Wahl des Werkes, allenfalls auf die Wahl eines jüdischen Architekten aus den USA könnte der winzige Verdacht eines unmerklichen Ausweichens der Jury vor der Verantwortung fallen, die in dieser Sache die Deutschen alleine tragen müssen. Sei's drum. Das Denkmal soll, damit es künftige Generationen zur Stellungnahme auffordert, unübersehbar sein, aber es darf diese Auffälligkeit nicht durch Monumentalität erreichen. "Monumentalismus" meint den versteinernden Eindruck einer triumphierenden Herrschaftsarchitektur. Diesen Vorwurf jedenfalls läßt das unaufdringliche Pathos des Negativen, das "Eisenman II" auszeichnet, ins Leere laufen. Die sanft irritierende Woge der stumm aufgereihten, nackt aufragenden Pfeiler isoliert den Besucher vielleicht. Jedoch wird sie ihn, wenn ich recht sehe, nicht auf die erhebende Weise beklommen machen.

Die Zumutung

Ernst zu nehmen ist die zuletzt von György Konrád geäußerte Befürchtung, daß das Ressentiment einer Bevölkerung, die auf die Härte dieser Herausforderung reagiert, nicht auf die wohlmeinenden Urheber, sondern auf die Juden selbst zurückfallen würde. Dieses Bedenken, sowenig es in den Wind zu schlagen ist, ist freilich vom selben Typ wie das andere, trivialere Bedenken derer, die den Vandalismus der Skinheads und Ähnliches so klug wie kleinmütig antizipieren. Ihr Kleinmut findet sich mit genau derjenigen Mentalität ab, gegen die das Denkmal antritt. Wenn wir ein solches Denkmal wollen, müssen wir es auch als Barometer für die Stimmungen wollen, deren wir Herr werden möchten - sonst dementieren wir das Vorhaben selbst. Solange die Integrität des Denkmals nicht ohne massives Polizeiaufgebot rund um die Uhr gesichert werden kann, hat unser Land eben die Art doppelbödiger Normalität noch nicht erreicht, die hier - for the time being - einzig möglich ist.

Andererseits soll man sich über die Art der Zumutung Klarheit verschaffen. "Der eigenen Schande kann man kein Denkmal setzen": Hermann Lübbe, Rudolf Augstein, Martin Walser drücken ein Gefühl aus, das viele teilen. Sie sprechen aus der Tradition eines Opferkults, der - noch in meiner Jugend - auf den Heldentod, auf das präsumtiv freiwillige Sacrificium für die vermeintlich höheren Zwecke des eigenen Kollektivs zugeschnitten war. Die Aufklärung wußte, warum sie das Opfer abschaffen wollte. Das Zeitalter des europäischen Nationalismus wurde dann erst recht von Kriegerdenkmälern gesäumt, die dem triumphalen Andenken an die aktiven Opfer für eine sich selbst behauptende Nation dienten. Wenn heute die Nachkommen der Täter einer einzigartig monströsen Tat den fremden oder entfremdeten Opfern ein Denkmal setzen, muß sich die Perspektive ändern.

Nach wie vor geht es um die Selbstverständigung der Deutschen. Aber das geplante Denkmal wird den Blick der Besucher nicht mehr verehrend auf die eigenen Toten lenken. So verhält es sich auch noch beim nicht mehr triumphierenden Vietnamdenkmal in Washington. Jetzt muß sich aber der öffentliche Blick auf Opfer richten, die das Tun und Lassen der eigenen Eltern und Großeltern einmal zu Fremden gemacht, als Feinde ausgegrenzt, als Untermenschen gedemütigt, als Menschen, die keine mehr sein sollten, geschunden und vernichtet hat. Diese selbstkritische Grenzüberschreitung wird zudem einer Nation zugemutet, die gegenüber den eigenen, aus verständlicher Verlegenheit mehr oder weniger privatisierten Kriegstoten ein schlechtes Gewissen hat. Das Schuldgefühl des überlebenden gegenüber dem gefallenen Bruder ist in den einschlägigen Selbstverständigungsdebatten der Bundesrepublik bis heute ein unausgesprochenes, aber wichtiges Motiv gewesen.

Die Zumutung besteht also darin, moralische Gesichtspunkte, die in den bürgerlichen Gleichheitsnormen des Binnenverkehrs westlicher Gesellschaften längst rechtlich verankert sind, nicht nach Kriterien der Zugehörigkeit selektiv anzuwenden. Der Holocaust fordert die Deutschen zu einer räumlichen und zeitlichen Entgrenzung der moralischen Verantwortung der demokratischen Bürgergesellschaft auf, die mit den konventionellen Formen nationaler Totenkulte unvereinbar ist. Ist sie deshalb auch schon Ausdruck eines "negativen Nationalismus", wie viele meinen?

Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal

Helmut Dubiel und Bernd Giesen, beides übrigens keine Historiker, belegen mit Beispielen aus anderen Nationen den allgemeinen Trend zu einem dezentrierten, die verletzten anderen einbeziehenden kollektiven Selbstverständnis. In Spanien, in Südafrika und in den USA beispielsweise werden Auseinandersetzungen über die Kehrseite der Kolonialgeschichte geführt, die unserem "Historikerstreit" nicht zwar im Thema, aber in der Struktur ähnlich sind. Franzosen, Italiener, Holländer, sogar Schweizer und Schweden werden von der Zeit der Kollaboration eingeholt. Für alle gilt, daß "die eigene nationale Vergangenheit jetzt nicht mehr das Material einer positiven Vergewisserung des Status quo (bietet). Sie wird eher zu einer Kontrastfolie der Gegenwartsorientierung. Ihre öffentliche Erinnerung wird jetzt mit der Aufgabe bedacht, den mythischen Wiederholungszwang einer mit Schuld und Unrecht beladenen Geschichte zu brechen" (H. Dubiel, Niemand ist frei von der Geschichte, Hanser 1999, S. 292). Mit diesem Wandel im kollektiven Selbstverständnis holt der Universalismus des demokratischen Verfassungsstaates den Partikularismus des mit ihm verschwisterten Nationalbewußtseins ein, indem er dieses gleichsam von innen umstrukturiert. Die Nationen bekommen die postnationale Konstellation auch auf diese Weise zu spüren.

Die offene Frage: Für wen?

Der moralische Universalismus der gleichen Achtung für jeden läßt sich nicht immer spannungsfrei mit dem ethischen Partikularismus der geschichtlichen Bezüge vereinbaren, in denen sich die Bürger einer Nation wiedererkennen. Die Spannung zwischen einem täter- und einem opferzentrierten Verständnis bricht auch im Streit über die Frage auf, ob das geplante Denkmal den "ermordeten Juden" oder allen Opfergruppen gewidmet werden soll. Reinhart Koselleck und Christian Meier haben immer wieder der universalistischen Intuition Gehör verschafft, wonach wir uns gegen eine "Hierarchisierung der Opfergruppen" sträuben. Wir dürfen die Opfer im Gedenken nicht noch einmal nach Gesichtspunkten sortieren, nach denen sie von den Schergen selektiert und abgestuften Qualen unterworfen worden sind. Nachdem die Widmung der Neuen Wache an die "Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft" offensichtlich eine unerträgliche, Täter und Opfer zusammenwürfelnde Abstraktion vorgenommen hat, folgt die exklusive Bezugnahme auf die ermordeten Juden einer Partikularisierung, die das Opfer anderer Gruppen, jedenfalls am selben Ort, ignoriert. Wenigstens implizit scheint sie den Sinti und Roma, den Politischen, den Geisteskranken, den Homosexuellen, den Zeugen Jehovas und den Deserteuren ein Unrecht zuzufügen, das nach Wiedergutmachung verlangt. Als Konsequenz befürchtet ein nicht gerade sensibler Diepgen das Entstehen einer "Opfermeile"; immerhin macht der salopp-zynische Ausdruck auf die aussichtslosen Folgeprobleme einer mit Recht beanspruchten Gleichbehandlung aufmerksam.

Auch einer wie Hermann Cohen hätte dem universalistischen Argument zugestimmt. Salomon Korn, Micha Brumlik, manche Juden hier im Lande teilen die Auffassung von Koselleck und Meier. Gleichwohl dürfen wir das Element, das erklärt, warum für uns heute "Auschwitz" auf eine so überwältigende Weise mit dem Holocaust der europäischen Juden verwoben ist, nicht übergehen. Die moralische Intuition, an die die Universalisten mit Recht appellieren, kreuzt sich mit einer anderen, wenn man will ethischen, auf das eigene Kollektiv bezogenen Intuition. Wenn wir von der besonderen Relevanz der Juden für das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Deutschen, von der historisch folgenreichen, ganz spezifischen Nähe und Ferne der beiden ungleichen Pole absehen würden, machten wir uns dann nicht wiederum einer falschen Abstraktion schuldig?

Eine differentielle Behandlung von Opfern, die am Ende alle dasselbe Schicksal geteilt haben, ist moralisch nicht zu rechtfertigen. Aber etwas anderes fällt moralisch ins Gewicht. In den abgestuften Grausamkeiten, die die Täter und Mitläufer, die Zustimmenden und die ungerührt Zuschauenden gegenüber Juden und Nichtjuden an den Tag gelegt haben, spiegelt sich eine Skala der Motive, die, wie Saul Friedländer sagt, auf den "Erlösungsantisemitismus" der Deutschen und ihrer Eliten zuläuft. Ohne die besondere Relevanz, die Juden in der Wahrnehmung ihrer deutschen Umgebung - im Guten wie im Bösen - zukam, hätte am Ende auch die Motivation für die Tat und deren Unterstützung gefehlt. Das zeigt sich beispielsweise an der kulturellen Interaktion seit Öffnung der Ghettos. Die - wie Scholem sagte - von Anbeginn asymmetrische, spannungsreiche, aber eben auch produktive und seelenverwandte deutsch-jüdische Symbiose hatte eine Kehrseite. Insbesondere in den akademisch gebildeten Schichten und unter Intellektuellen (die sich ja zu Weimarer Zeiten noch "die Geistigen" nannten) war ein kultureller Antisemitismus zum Comment geworden. Ohne diese Mentalität ließe sich die skandalös widerstandslose Anpassung des Bildungsbürgertums und die moralische Korruption der bis dahin tragenden Überlieferungen nicht erklären.

Das Gespür für die hervorgehobene gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung der Juden für uns Deutsche darf das unangreifbare moralische Gebot der gleichmäßigen Achtung im Gedenken aller Opfer nicht neutralisieren. Der "tat- und täterzentrierte" Sinn des Denkmals darf den "opferzentrierten" Sinn des Andenkens nicht konsumieren. Andererseits würden wir, wenn wir die besondere Relevanz mißachteten, von der Fatalität jener antisemitischen Ab- und Ausgrenzung abstrahieren, die in die kritischen Selbstzuschreibungen des kulturellen Gedächtnisses aufgenommen werden sollte. Aus Gründen der Aufrichtigkeit uns selbst gegenüber wäre es daher wünschenswert, daß der Relevanzunterschied in einer nichtexklusiven Widmung des Denkmals zur Geltung kommt.

Ich bin mir nicht sicher, ob "Auschwitz-Denkmal" beides zum Ausdruck bringen kann. Das Denkmal selbst trägt keinen Namen, auch keine Inschrift, es sei denn die an einem Ort eingravierten Namen der Vernichtungslager. Es braucht gleichwohl einen Namen für den administrativen Gebrauch, für die Wegweiser, vor allem im öffentlichen Bewußtsein. Heute wird der zuerst eingebürgerte Kollektivname "Auschwitz" fast gleichbedeutend mit dem später übernommenen Ausdruck "Holocaust" gebraucht. Tatsächlich erstreckt er sich aber nicht nur auf das Schicksal der Juden. Als Pars pro toto meint er das komplexe Vernichtungsgeschehen im ganzen.

Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal