Berlin

Mehr war nicht drin, da hat er recht. "Ein guter Kompromiß", sagt der Kanzler, "tut allen weh." Das klingt banal. Und ist doch eine Offenbarung: Vorigen Freitag im Morgengrauen hat Gerhard Schröder, nach zwanzigstündigem Gerangel um die Agenda 2000, seine bislang tiefste Einsicht in die Gesetze westeuropäischer Realpolitik gewonnen. Darauf, und auf die vielen komplizierten Formeln des kontinentalen Ausgleichs in seinem "Berlin-Paket", ist er sogar "ein bißchen stolz". Vier Stunden später, bei der Debatte zum EU-Gipfel im Bundestag, grinste wohlgefällig der Abgeordnete Helmut Kohl.

Das ist wahrlich nicht viel für einen, der vor einem Jahr von Hannover ausgezogen war, die Europäer das Fürchten zu lehren. Er wolle, so vertraute er damals dem Regierungschef eines Nachbarlandes an, "deutsche Interessen brutal vertreten". Im Juli 1998 schockierte der Kanzlerkandidat seine SPD-Genossen im Straßburger EU-Parlament: Mit Europa sei "kein Blumentopf zu gewinnen". Und noch vor vier Monaten wetterte er in Saarbrücken über das viele deutsche Geld, das die da in Brüssel "verbraten"; vorbei sei die Ära Kohlscher Scheckbuch-Diplomatie. Gemessen daran stimmt die Bilanz, die die FAZ nun zog: "Verlierer Schröder".

Seit voriger Woche gelten, für den Kanzler jedenfalls, andere Maßstäbe. "Ausgehend von 50 Jahren Frieden in Europa", will er "die Völker und Staaten in freundlicher Nachbarschaft immer enger miteinander verzahnen"; das sei "der Auftrag", ererbt "von Vätern und Müttern", "täglich aufs neue" erteilt von "unseren Kindern". Schröders Damaskus liegt in 10787 Berlin, Budapester Straße 2, Hotel Interconti. Dort fand er, im kleinen Kreis der Staats- und Regierungschefs, zunächst mit Romano Prodi einen neuen, guten Chef für die kriselnde EU-Kommission. Dann folgte, in der Bibliothek, die sonore TV-Ansprache zum Krieg gegen Milocevic. Und schließlich hat er, tapfer und klug, im großen Saal sich und seinen 14 Partnern einen Agenda-Kompromiß abgerungen, der ganz in der Tradition so vieler EU-Gipfel steht: ein Bündel komplizierter Formeln, ausgefeilscht im Ach und Krach einer europäischen Nacht.

Jetzt wird gespöttelt. "Helmut Schröder" nennt die Frankfurter Rundschau den Kanzler. Des Niedersachsens Annäherung an Europas Wirklichkeit begann vor vier Wochen, als er nach dem Kurz-Gipfel auf dem Bonner Petersberg seine euroskeptische Rhetorik entschröderte . Seither jagte ihn Edmund Stoiber mit genau jener Forderung nach einem Nachlaß bei Deutschlands EU-Last, wie sie Hannovers Ministerpräsident noch vor zwei Jahren in die Welt gesetzt hatte: 14 Milliarden Mark weniger, das schien damals auch Schröder gerecht. Weil er nur drei ergatterte, wirkt der Neue nun verkohlt.

Die Partner freuen sich, allen voran Tony Blair. Strahlend lobte Londons Premier "die brillante Verhandlungsführung" des deutschen EU-Vorsitzes. Weil Schröder das Vereinigte Königreich nach Europa zurückholen und also das britische Pfund in die Währungsunion locken will, ließ er Blair sehr billig davonkommen. Der Britenrabatt, einst von Maggie Thatcher der EU abgetrotzt, blieb praktisch unversehrt. Der Engländer triumphierte: "Nicht einen Euro mehr, nicht einen Euro weniger" als bisher müsse sein Land zahlen; auch seine europhoben Gegner zu Hause mußten das anerkennen. Genau betrachtet macht Großbritannien sogar ein Geschäft: Würde London nämlich seinen fairen Anteil an den Gesamtkosten der nahenden Osterweiterung ohne Rabatt tragen, müßte der britische EU-Beitrag im Jahr 2006 um vier Milliarden Mark höher liegen als heute. Tatsächlich jedoch legte Blair gerade mal ein Zehntel drauf, ganze 440 Millionen Mark. Und selbst diesen Tribut holte sich der Labour-Führer umgehend zurück, per Sonderscheck aus den Strukturfonds für das schottische Hochland.

Schröder ließ es zu, aus höherer Einsicht. Prompt kürte ihn die Financial Times zum "European Statesman". Welch eine Blitzkarriere: Vor zwei Wochen noch, nach den Fotos vom Kaschmir-Kanzler, galt er nur mehr als Dressman . Den Preis für diese Promotion der deutsch-britischen Freundschaft zahlte Schröder im Verhältnis zu Jacques Chirac. Frankreichs Präsident argwöhnte, London wie Bonn wollten sich auf seine Kosten schadlos halten. Also nörgelte er nächtens so lange an der schon beschlossen geglaubten Agrarreform herum, bis der Kanzler - sichtlich genervt - nachgab.