Der Vogel tschilpt, die Osterglocke läutet. Unter den Familienfesten ist das kommende das beliebteste, weil einigermaßen entspannt: keine zermürbenden Grübeleien über die richtigen Geschenke, kein fauler Dank für die falschen, keine bekloppten Geburtstagsständchen und keine beleidigten Anverwandten, die wieder mal nicht eingeladen sind und folglich "vergaßen" anzurufen: ganz einfach ein Beisammensein, in Regen oder Schnee, manchmal, günstigenfalls, im Garten. Dort oder hinter Sitzgruppe und Hi-Fi-Turm werden die Eier versteckt, früher ganz einfach hart gekocht und mit Fingerfarben bemalt, heutzutage aus Schokolade mit Füllung - auch eine Prüfung fürs Gedärm, aber es macht halt doch mehr her, auch was den Müll betrifft. (Und was heutzutage keinen hinter sich läßt, war niemals wirklich existent.) Schlaue Mütter und Väter betrügen das Kindervolk wie jedes Jahr und verstecken das Fundgut erneut, das die Unmündigen gläubig bei ihnen abgeben, bevor sie begeistert, mit erfolgsgeröteten Bäckchen, erneut losstürmen... So kommen leicht 60 gefundene Eier zustande und ein lang anhaltender Vormittag mit Schreierei und Jubel, obwohl am Schluß doch nur neun feudale Exemplare im Körbchen liegen zur Speisung.

Man kann das Ende der Kindheit (ein großes Thema, aber, wie man sieht, ein Scheinriese wie der Herr Turtur) mit Bestimmtheit daran ablesen, wann die Betrogenen das Spiel entdecken. Dann nämlich haben sie das Stadium erreicht, in dem der Weg nicht wichtiger als das Ziel, der Spaß nicht größer als der Ernst, die Handlung nicht schöner als das Resultat, das Glück nicht seliger als die Ware mehr ist: Dann sind sie erwachsen geworden. Wenn sie auf den Gedanken kommen mitzuzählen, gar Listen zu führen über das Stückgut (3 Vollmilchschokolade, 2 Trüffel, 4 Nougat), dann haben sie ihre Zeit und ihr Vergnügen in ein Verhältnis gesetzt, dann hat die Gegenwart Ränder bekommen, sie sind die Angestellten ihrer selbst geworden und haben das trostlose Reich von Kosten und Nutzen betreten, das nur noch zwei Ausgänge kennt, zur Weisheit oder zum Tode, und in dem wir Bürger sind, seit wir die Ostereier zählen.