Frankensteins Monster als Frankensteins Geschöpf zu bezeichnen ist richtig und falsch zugleich. In Wirklichkeit hat das Monster überhaupt nichts mit Frankensteins Geschöpf zu tun gehabt. Im Gegenteil, Doktor Frankenstein wollte ein völlig anderes Wesen schaffen; schön und klug, sensibel und arbeitsam, ein Wesen, das keinerlei Widerstand leistet und trotzdem immer zufrieden ist. Dieser Versuch mißlang. Statt des erwünschten Geschöpfs entstand ein Wesen, das alles in sich trug, was er nicht wollte. Sein Experiment wurde zum reinen Debakel.

Das Paradox in "Frankensteins Monster" beschreibt die Natur des Regimes von Slobodan Milocevic exakt. Er ist all das, was der Westen nicht schaffen wollte, er ist zugleich all das, was der Westen durch seine ununterbrochenen Fehlgriffe fertiggebracht hat. Denn zunächst sah alles aus wie in den ersten Kapiteln des Romans über Frankenstein, gut für den Doktor, gut für den Westen. Slobodan Milocevic wurde gehegt und gepflegt, fortwährend unterstützt und ermuntert, geschützt und verteidigt. Schauen wir uns ein paar Beispiele an.

Immer wenn in Serbien und Jugoslawien gewählt wurde - und es wurde viel gewählt -, hielt es der Westen nicht für angebracht, die oppositionellen Kräfte zu unterstützen. Im Gegenteil, stets war es ausgerechnet Milocevic, der unterstützt wurde, weil er der einzige war (so lautete die unsinnige Logik des Westens), der die Einhaltung des Abkommens von Dayton oder irgendeines anderen Abkommens gewährleistete. Und so überging der Westen von Übereinkommen zu Übereinkommen stillschweigend die Panzer und die Toten in Belgrad. Vielleicht kam es gerade wegen dieses Stillschweigens in Belgrad zu gewissen Veränderungen: Jahr um Jahr wurden es 100000 Demonstranten weniger. Aus Belgrad gingen gerade diejenigen verzweifelt in den Westen fort, die keine Hoffnung mehr hegten, daß der Westen helfen würde, das Regime des Slobodan Milocevic zu stürzen.

Unschuldige sterben oder werden Opfer von Gewalt

Diesen Sturz will die Nato jetzt mit Bomben herbeiführen. Der Westen glaubt, daß er auf diese Weise mit seinem eigenen Monster fertig werden kann. Seitdem das klargeworden ist, leben auch diejenigen, die nicht glauben wollten, daß Milocevic Serbien in Gefahr bringen könnte, in völliger Verzweiflung. Wie jeder bisherige Schritt des Westens ist auch dieser unsinnig, weil er nur sein Monster nährt.

Aber im Unterschied zu den früheren Schritten ist der jetzige so monströs, weil es sich gleichsam um einen "Milocevicschen" Schritt handelt, mit der kompletten Rhetorik von Milocevic und allen ihren Effekten, die bekannter sind unter dem Namen Tod und Sterben. Hier wiederum ein paar Beispiele: "Mit den Angriffen auf Jugoslawien wollen wir vor allem zeigen, wie entschieden wir der Aggression entgegentreten", sagte Bill Clinton. Der Sinn dieses Satzes? Durch diese Aggression treten wir der Aggression entgegen, durch die Produktion des Todes protestieren wir gegen die Produktion des Todes. Wir werden jetzt ein wenig töten, um unserer Unzufriedenheit mit dem Töten Ausdruck zu verleihen. Im Grunde aber könnte das auch Milocevic gesagt haben, denn mit Sätzen wie diesem hat er seine Kriegsmaschinerie in Bewegung gesetzt und in Gang gehalten. "Wir haben Vukovar nicht angegriffen, da wir nur die Serben in Vukovar gegen die Angriffe verteidigen, denen sie dort ausgeliefert sind." Oder: "Wir haben Sarajevo nicht angegriffen, sondern drei Jahre lang die Serben in Sarajevo vor den Angriffen geschützt, denen sie dort ausgeliefert sind."

Es handelt sich um zwei in ihrer Struktur gleiche Arten von Rhetorik, zwei identische Vorgehensweisen, zwei identische Absichten. Sie ziehen auch dieselben Konsequenzen nach sich: Unschuldige werden getötet, mit politisch Andersdenkenden wird abgerechnet. Sie werden festgenommen, verhört, in Untersuchungshaft genommen oder inhaftiert, und mit jedem Tag, an dem Bomben fallen, werden die Aussichten größer, daß sie alle umgebracht werden. Abgesehen davon, daß die Angriffe der Nato allen Menschen gleichermaßen barmherzig den Tod schenken, machen sie es ihrem Monster möglich, mit all denen abzurechnen, die die Absicht haben, es zu vernichten. Wiederum ein Beispiel für die bedingungslose Unterstützung von Milocevic. Darin, in dieser Unterstützung, zeigt sich auch der grundsätzliche Unterschied zwischen dieser Erzählung und der Erzählung über Frankenstein und sein Monster.