Oft zitiert und viel mißbraucht: Paul Klees "Uns trägt kein Volk". Das paßt immer: Denn wen trägt schon ein Volk? Oder auch: Wer möchte schon von einem Volk getragen werden? Der Satz, der jede Art von splendid isolation mit dem Nimbus des Kostbaren und Tragischen zu nobilitieren scheint, steht gegen Ende eines Vortrags, den Paul Klee 1924 in Jena hielt. Der direkte Anlaß war eine Ausstellung in den Räumen des Kunstvereins. Neun Ausstellungen hatte Klee, der Bauhausmeister, in den Jahren zwischen 1913 und 1933 in Jena, wo es offensichtlich ein aufgeschlosseneres Publikum für die Kunst gab als in Weimar. Klee auf den Spuren von Goethe im fröhlichen Pendelverkehr von Weimar nach Jena. Mit den Söhnen der musikversessenen Familie Grebe trafen sich Paul und Lily Klee einmal wöchentlich in Jena, Weimar oder später in Dessau zur Kammermusik. Es wurde heftig und intensiv gespielt: Beethoven, Mozart, Bach. Zehn Arbeiten von Klee hingen jahrelang leihweise im schönen, großbürgerlichen Haus der Grebes.

"Uns trägt kein Volk." Der einzige öffentliche Vortrag, den Paul Klee jemals hielt, galt, an einem Ort, an dem er sich aus vielerlei Gründen wohl und willkommen fühlte, ganz und gar nicht der Abgrenzung, sondern dem Verstehen, der Vermittlung. Am Beispiel des Baumes, dessen sichtbare Krone ohne das unsichtbare Wurzelwerk nicht hätte entstehen können, beschreibt Klee mit einer Mischung von poetischen Metaphern und fachlichen Spezifizierungen vor allem das Entstehen der eigenen Bilder und Zeichnungen. Die Zuhörer können mit einem Blick auf die Wände des Kunstvereins das Gehörte und das Gesehene zueinanderfügen. So weit, so gut. Aber über den eigenen und aktuellen Anlaß hinaus gilt Klees behutsame Argumentation auch der Genese der nicht realistischen, der abstrakten Kunst überhaupt. Ein diskreter Interpret seiner selbst und sanft überredender Lehrer zugleich, beendet Klee seine Rede mit dem emphatischen Hinweis auf die gemeinschaftliche Arbeit am Bauhaus, mit dem im Zitat immer fortgelassenen Satz: "Aber wir suchen ein Volk."

Eine kleine, überschaubare Ausstellung ist so zusammengekommen, Klee agiert mit zarten Linien im Zwischenbereich von E.T.A. Hoffmann, Mozart und Bauhaus-Schabernack. In der zweibändigen Publikation sind nicht nur die ausgestellten Arbeiten und der Vortrag im Faksimile reproduziert, sondern von Kunstkritiken über biographische Details bis hin zu Informationen aller Arten, dazu Briefe ("Man tut ja überhaupt nichts mehr, als ständig nach Geld zu suchen", Kandinsky 1931 an den Kunsthistoriker Will Grohmann), also kurz alles, was mit Klees jenenser Verbindungen zu tun hat, dokumentiert. In dem den Vortrag betreffenden Band ist in Bild und Text das ausgebreitet, was Verspohl eine "integrale Biographie" nennt. Ein Altruismus, der, und nur das ist milde zu bedauern, alle anderen zu Worte kommen läßt und sich selber mit einem kleinen kollektiven Vorwort und der Fußnote begnügt. "Uns trägt kein Volk!"

Jena, Stadtmuseum Göhre, Markt 7, bis zum 25. April; Ausstellungskatalog 38,- DM; "Paul Klee in Jena - der Vortrag" 32,- DM; Gesamtpreis 58,- DM (beide Kunsthistorisches Seminar/Druckhaus Jena)