Schweigend führt Deutschland Krieg. Keine Begeisterung, natürlich nicht, aber bislang auch erstaunlich wenig Protest. Die Anwaltschaft für Pazifismus und politische Wehrdienstverweigerung ist unter der rot-grünen Koalition auf die PDS übergegangen. Wohl breitet sich in der zweiten Reihe der Regierungsparteien, besonders bei den Grünen, Unbehagen aus, und niemand weiß, wie die Stimmung im Land sich bei längeren Kämpfen oder bei eigenen Verlusten ändern wird. Gleichwohl ist die Selbstverständlichkeit atemberaubend, mit der die Bundesrepublik zu Beginn der Angriffe nicht nur ein halbes Jahrhundert gewaltferner Außenpolitik hinter sich gelassen hat, sondern auch einen gesellschaftlichen Pazifismus, den man tief verwurzelt glaubte.

Die Erinnerung an den Golfkrieg von 1991 zeigt den Wandel in der Seelenverfassung der Deutschen. An den Kämpfen damals war die Bundeswehr nicht beteiligt, der Schauplatz lag weit entfernt von Europa, es gab ein UN-Mandat für die Intervention, und die sowjetrussische Exsupermacht fühlte sich bei weitem nicht so provoziert wie heute. Und doch waren Widerstand und Angst in der Bundesrepublik viel stärker, bis hin zur Hysterie. Die Friedensbewegung war eine Kraft, mit der man rechnen mußte. Und der Gedanke an Krieg verband sich, wenige Monate nach der Wiedervereinigung, reflexhaft mit der jahrzehntelangen Furcht vor der Atomapokalypse.

Ist es eine neue Bedenkenlosigkeit, die Deutschland jetzt so umstandslos bei Luftschlägen mittun läßt? Oder, umgekehrt, Normalität im guten Sinne? Ist es, wie manche Realpolitiker beklagen, wieder einmal moralische Blauäugigkeit - nach dem Gutmenschentum der Friedfertigkeit nun ein Humanitäts-Interventionismus, der sich leichtfertig über die Regeln des Völkerrechts hinwegsetzt? Doch auch vom Menschenrechtspathos war diesmal wenig zu spüren. Spätestens seit Srebrenica hat die Linke sich darüber klarzuwerden versucht, welches für die Deutschen die richtige historische Lehre aus der Aggression und dem Genozid der Nationalsozialisten sei: "Nie wieder Krieg!" oder "Nie wieder Völkermord in Europa!"

Nun ist die Scheu vor dem Appeasement zwar zur moralischen Grundlage für die Kriegsbeteiligung geworden. Aber eine so große Rolle, wie man es in Deutschland hätte erwarten können, spielt die Berufung auf die Geschichte nicht. Einen "Krieg der Erinnerungen" hat man den Golfkonflikt mit Hinweis auf die trübe nationale Vorgeschichte des friedensbewegten Antiamerikanismus genannt. Auf dem Balkan gilt das höchstens aus Sicht der Serben. Die Deutschen erleben die historische Zäsur des ersten Waffengebrauchs seit 1945 seltsam geschichtslos.

Eine merkwürdige Atmosphäre des Geschehenlassens liegt über dem Land. Das ist nicht erst seit dem Beginn der Bombardements so. Schon als Bundeswehrverbände mit schweren Waffen nach Mazedonien verlegt wurden, mochte man sich über das Desinteresse der Öffentlichkeit wundern. Die Regierung Kohl hätte schwerlich so widerstandslos durchsetzen können, was ihre rot-grüne Nachfolgerin ohne viel Federlesens getan hat.

Es bleibt der Verdacht, daß alles ein bißchen schnell gegangen ist. Die Neugestaltung der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse dürfte lebhafter erörtert worden sein als der Krieg auf dem Balkan. Gerhard Schröder hat zwar gelegentlich den Begriff des nationalen Interesses für die deutsche Politik wiederentdeckt. Aber dabei war bloß an die Nettozahlungen für die Europäische Union gedacht, nicht an so etwas wie Außenpolitik im eigentlichen, klassischen Sinne. Hier hat die Bundesrepublik wenig Erfahrungen, kaum haltgebende Traditionen - außer der einen, daß man sich nicht isolieren, keine Sonderwege einschlagen, die Bündnissolidarität nicht verletzen dürfe. Das mag als Richtschnur für die Praxis ausreichen. Eine Sprache, in der die Politik sich mit der Gesellschaft über Krieg und Frieden, über Recht, Moral und Macht auseinandersetzen könnte, findet man so nicht.

Allenthalben ist zu bemerken, daß etwas sich nicht fügt, nicht stimmt. Die Bundestagsdebatte über den Kosovo-Einsatz war in Ernst und Niveau eindrucksvoll. Aber es wirkt unangemessen, wenn der Verteidigungsminister und Befehlshaber einer kämpfenden Truppe mit seinen Argumenten, die im Parlament am richtigen Platz waren, auch in einer Fernseh-Talk-Show erscheint. Hier die Medienroutine und dort die Ansprache des Bundeskanzlers an sein Volk, mit dem Appell, jetzt den Soldaten und ihren Familien zur Seite zu stehen - das paßt nicht zusammen, sowenig wie Brioni-Mantel und Kampfanzug.