FRANKREICH: Die schärfste Kritik kommt von den rechten und linken Rändern des Parteienspektrums: Die Rechtsextremisten des Front National, die Ultrakonservativen um Philippe de Villiers und den Altgaullisten Charles Pasqua zum einen, die Kommunisten zum anderen. Zwei andere linke Parteien sind zumindest offen skeptisch: Die Grünen und die "Bürgerbewegung" von Jean-Pierre Chevènement. Der einstige Sozialist Chevènement trat 1991 als Verteidigungsminister zurück, weil er gegen den Golfkrieg war.

Die französischen Kritiker argumentieren nicht politisch und moralisch, sondern formalistisch: Serbien sei ein souveräner Staat, der seine Außengrenzen nicht verletzt habe. Die internationale Gemeinschaft mische sich im Kosovo mithin in innere Angelegenheiten ein - und das ohne Mandat der Vereinten Nationen.

Ein großer Teil der Franzosen (33 bis 45 Prozent, je nach Umfrageinstitut) ist gegen eine Beteiligung an den Nato-Angriffen - ein guter Resonanzboden für die politischen Gegner. Der sozialistische Verteidigungsminister Alain Richard ist sich daher jetzt schon sicher: "Wir werden noch starke Nerven brauchen."

GROSSBRITANNIEN: Gegen den Kurs der Regierung Blair steht eine buntgescheckte Allianz, zu der linke Pazifisten, rechte Isolationisten und Traditionalisten zählen. Letztere fürchten vor allem die Aushöhlung nationaler Souveränität durch ein neues internationales Recht, das Interventionen aus humanitären Gründen prinzipiell rechtfertigt. Der frühere Nato-Generalsekretär Lord Carrington oder der ehemalige Labour-Außenminister Denis Healey zählt dazu. Auf dem rechten Flügel der Tories brechen isolationistische Neigungen durch - mit dem Argument, der interne Konflikt in einem kleinen, fernen Land irgendwo in Europa gehe Großbritannien nichts an. Die Labour-Linke gehört zwar nicht geschlossen zum Lager der Nato-Kritiker, doch beispielsweise bei Tony Benn, dem großen alten Mann der Labour-Linken, mischen sich Antiamerikanismus - die Nato sei zum Instrument des US-Imperialismus degeneriert - mit tiefem Mißtrauen gegenüber Deutschland, dem Benn die absichtsvolle Zerschlagung Jugoslawiens unterstellt (Beweis: Bonns Vorpreschen bei der Anerkennung Kroatiens 1991).

Die Kritiker repräsentieren eine Minderheitsmeinung in Politik, Medien wie in der Bevölkerung. Umfragen zeigen, daß rund zwei Drittel der Briten die Angriffe gutheißen. Allerdings rechnet nur ein Drittel mit einer Verbesserung der Lage. So fürchtet die Regierung, daß bei eigenen Verlusten und einer fortdauernden humanitären Katastrophe im Kosovo die Stimmung umschlagen könnte.

ITALIEN: Das ganze Land schwankt zwischen Bündnistreue und der Furcht vor dem Krieg. Diese Ambivalenz der Bevölkerung wird auch von den politischen Führern weitgehend geteilt, vor allem die linke Opposition und der linke Flügel der Regierungskoalition lehnen das Nato-Engagement massiv ab. Letzteres läßt die gerade sechs Monate alte Regierung von Ministerpräsident D'Alema heftig wackeln. Nur nach langen Diskussionen konnte sich die Koalition in der vergangenen Woche zu einer Regierungserklärung über das Nato-Engagement durchringen. Ein "Wackelpudding" sei sie geworden, so ein Parlamentarier. Fausto Bertinotti, Chef der Rifondazione Comunista, der schon die erfolgreiche Prodi-Regierung gestürzt hatte, hielt D'Alema während der Debatte vor: "Sie haben Italien nach 50 Friedensjahren wieder in den Krieg geführt." Am Tag danach tobte die außerparlamentarische Opposition auf den Straßen Roms und zerstörte ein Symbol des "amerikanischen Imperialismus" - das Restaurant Planet Hollywood.

USA: Vor allem Republikaner stellen die Nato-Luftangriffe offen in Frage. Der ehemalige Vizepräsident Dan Quayle und Präsidentschaftskandidat Pat Buchanan machen sich derzeit zu Wortführern der Kritiker. Klassischer Isolationismus ("Was sollen wir im Kosovo?") mischt sich dabei mit der Furcht, unbedacht in ein neues Vietnam zu stolpern. Zudem wird der Vorwurf einer konzeptionslosen Außenpolitik der Clinton-Administration lauter. Es sei kein politisches Konzept, immer neue amerikanische Protektorate zu schaffen - nach Haiti, Bosnien und Palästina nun auch noch das Kosovo.