Schöne Stunden auf langen Dienstfahrten, also im Stau. Viel gelernt, manches bald vergessen - und oft geärgert. Road University nennt sich die ansehnliche Sammlung. Hier ist zwischen Philosophie und Religion, Geschichte und Technik, Medizin und Astronomie fast alles zu haben, was man wissen möchte. Und doch nagt, nach vielen Stunden mit dieser mobilen Universität, ein Zweifel.

Jede Kassette (jede!) beginnt mit einem Tusch. Eine Stimme raunt von "Wissen in höchsten Tönen". Der schwachsinnige Werbe-Slogan ziert jede Kassette. "Wissen" - in "Tönen", gar "höchsten"? Seit wann wird Wissen in Tönen vermittelt? Hier steckt Werbe-Kunst noch in der Lall-Phase. Dann schleimt sich die Werbung weiter: "Vom Mikrokosmos bis in die Weiten des Universums spannt sich der Themen-Bogen... Die einzelnen Hördokumentationen wollen die Wunder der Welt uns unterhaltsam näherbringen..."

Da gibt es eine Kassette unter dem fast unverkäuflichen Titel Utopie & Dystopie. Eine der Unhöflichkeiten gegenüber Käufern (und Produzenten!) besteht darin, daß fast nie Autoren oder Sprecher genannt werden, allenfalls mal ein "Kommentator" (wessen Text spricht der?). Beim Thema Utopie wird ausnahmsweise eine Autorin genannt. Susanne Tölke, eine kluge Frau, kann auch mit Philosophie wenig vertrauten Hörern Gedankengänge so erläutern, daß man zuhört. Wenn es um einen philosophischen Dialog geht, den Glaukon und Sokrates führen, über Gerechtigkeit, über menschliches Zusammenleben, also über den Staat (in Platons Politeia), führt die Autorin schon alles Wissenswerte, Sinnliche der antiken Philosophie an: Sie erwähnt, daß die beiden an den Welträtseln knackenden Männer sich auf dem Weg von Athen hinunter zum Hafen Piräus unterhalten. Das genügt unseren Road-, den Straßen-Philosophen nicht: Gleich beginnt Vogel-Gezwitscher und lenkt von Gedanken, von Argumenten, vom Zuhören ab.

So die ganze Zeit. Der kleine Leonardo da Vinci in seinem Berghäuschen in der Toskana: Man versteht kaum den Erzähler, so klappert der Deckel über dem Spaghetti-Kochtopf, gackern die Hühner, kräht der Hahn. Wir erzählen für Kinder? So doof, wie Radio- und Fernseh-Menschen die jungen Menschen wähnen (oder produziert man, noch gemeiner, inzwischen für "Altenheime"?), sind die jungen Leute schon lange nicht mehr. Auf der "Leonardo"-Kassette wird, neben fröhlichem Bauernhof-Lärm, wissenschaftlich anstrengender Text vorgelesen: Giotto, Scrovegni-Kapelle...

Da fragt man sich: An wen wendet sich diese Hörbuch-Reihe? Sie hat noch kein Rezept. Archiv-Material wird, schamlos, auf den Markt geworfen. Neben dürftigsten Hörbildern: hervorragende Dokumentationen. Mal denkt man an Nebenbei-Lauscher, dann wieder werden Hörer bedacht, die mindestens fünf Semester Medizin durchgestanden haben.

Eine der besten Produktionen ist die Kassette über das menschliche Herz. Ausnahmsweise wird die Autorin genannt: Gabriele Kautzmann. Die ist in allen drei Teilen der 90-Minuten-Kassette kompetent: wenn es um den "unermüdlichen Muskel" geht, wenn wir das Geräusch hören, mit dem einem Infarkt-Patienten der Brustkorb mit einer Säge geöffnet wird, und schließlich, wenn es um Herzblut, also um Poesie geht, "das zeitlose Liebessymbol". Am Ende merken wir aber, daß Fernseh-Geschichten vermarktet werden. Wie fragt die Autorin: "Und hier legen Sie dann den Bypass an?"

Wenn die bisher lieblos, wahllos ihr Hör- und Bild-Archiv plündernde University aus ihrem Fundus mehr als nur Recycling machte, könnte aus der Road University ein wichtiges Programm für Hörer werden.