Vernünftig" ist ein Wort, das Gerhard Schröder gern für seine Politik reklamiert. Was die fünfzehn europäischen Staats- und Regierungschefs unter der Regie des deutschen Bundeskanzlers vergangene Woche beim Berliner EU-Sondergipfel beschlossen, verdient das Etikett in keiner Weise. Vor der wichtigsten Herausforderung haben sie schlicht kapituliert. Das Herzstück ihrer Agenda 2000, die Agrarreform, folgt nämlich dem Motto: Es lebe die Ineffizienz! Die osteuropäischen EU-Beitrittskandidaten, die gerade glaubten, sich der Kommandoökonomie entledigt zu haben, werden nun von den Westeuropäern mit einem Reglement begrüßt, das weiterhin getrost als Planwirtschaft bezeichnet werden kann: mit Milchquoten, Garantiepreisen und verordneter Flächenstillegung. Eine schöne Bescherung.

Zwar werten es manche Beobachter schon als Erfolg, daß das Berliner Konklave überhaupt mit einem Ergebnis zu Ende gebracht werden konnte und Europa insofern seine Handlungsfähigkeit in schwierigen Zeiten unter Beweis gestellt hat. Das allerdings ist nur ein schwacher Trost. Tatsächlich folgt solche Nachsicht einer höchst merkwürdigen Logik: Auch nach den Berliner Beschlüssen sind die Regeln für Europas Bauern nämlich nicht zukunftsfähig, und zwar in vieler Hinsicht nicht. Operation gelungen, Patient im Koma - das ist die Quintessenz des Reförmchens, zu dem sich Europas Spitzenpolitiker am Ende durchgerungen haben.

Die Europäer werden nämlich erstens weiter Überschüsse produzieren und deshalb bei der bereits Ende des Jahres beginnenden nächsten Runde zur Liberalisierung des Welthandels zu Recht am Pranger stehen. Zweitens wird Europa nicht nur Amerika als Agrarexportnation Nummer eins verärgern, sondern mit seinen subventionierten Exporten auch die Märkte vieler Entwicklungsländer weiter stören. Drittens ist zu den jetzt geschaffenen Bedingungen der Beitritt der osteuropäischen Agrarstaaten nach wie vor nicht finanzierbar - und übrigens auch nicht sozialverträglich, weil er den Bauern dort ein ungerechtfertigtes Einkommensprivileg gegenüber anderen Erwerbsgruppen verschaffen würde. Viertens werden die europäischen Verbraucher weiterhin mit überhöhten Preisen konfrontiert. Fünftens lastet die Gemeinsa- me Agrarpolitik wie gehabt als größter Brocken auf den europäischen Steuerzahlern. Und sechstens macht die in Berlin verordnete Kosmetik auch die Bauern nicht froh: Obwohl sich der Strukturwandel beschleunigt, müssen sie auch in Zukunft mit dem Makel leben, Kostgänger der Allgemeinheit zu sein.

Das irrwitzige System der Agrarförderung ist in den fünfziger Jahren mit dem Ziel entstanden, Europa von Nahrungsmittelimporten unabhängig zu machen. Das Argument zieht nicht mehr, weil die Zeiten des Mangels längst der Vergangenheit angehören. Aber auch alle anderen, nachgeschobenen Rechtfertigungen taugen nicht als Begründung für eine pauschale Alimentierung der Landwirtschaft - insbesondere nicht der von der Lobby mit viel Geschick lancierte Hinweis auf die vermeintlich segensreichen Umwelteffekte von Ackerbau und Viehzucht. Das Gegenteil ist richtig: Landwirtschaft kann Arten gefährden, Gewässer belasten, den Wald schädigen - also soziale Kosten verursachen, die zur pekuniären Last von Steuerzahlern und Verbrauchern hinzukommen. Verschwindet diese Landwirtschaft, gewinnt auch die Umwelt.

Allerdings gibt es auch den umgekehrten Effekt: Bestimmte Formen der Landbewirtschaftung können einen gesellschaftlichen Mehrwert haben. Mag sein, daß für viele Menschen gelb blühende Rapsfelder ein ästhetischer Genuß sind; oder daß das Allgäu gerade deshalb als so lieblich empfunden wird, weil es Kulturlandschaft ist, geprägt von einer bäuerlichen Landwirtschaft. Selbst manche wildlebenden Tiere und Pflanzen stehen in einer symbiotischen Beziehung zu einer bestimmten Art und Weise der Landbewirtschaftung. Anders als bei der Produktion von Nahrungsmitteln versagt der Markt bei der Honorierung solcher Leistungen. Legt die Gesellschaft also Wert darauf, muß sie die Bauern in bestimmten Regionen genau dafür, und nur dafür, bezahlen.

Ökonomische Lehrbuchweisheiten? Mag sein. Aber wenigstens ein Hauch davon hätte den in Berlin tagenden Staats- und Regierungschefs gutgetan. Statt dessen haben sie sich auf eine sogenannte Reform geeinigt, der ein Schicksal nicht erspart bleiben wird: baldige Wiedervorlage.