Lieber Professor Worcester, ich stehe hier vor dem Flughafen Dhaka in Bangladesch und denke, ich sollte Ihnen einmal schreiben. Das ist gerade ein wenig mühsam, denn ich bin umringt von ungefähr 20 Menschen, die mich anfassen. Der Flughafen ist ein Naherholungsgebiet in Dhaka. Jeden Abend drängen sich rund 100 Bengalen an den Fenstern der Abflughalle und besichtigen Flugreisende.

Aber was ich eigentlich sagen wollte: vielen Dank, lieber Pro- fessor für Ihre wissenschaftliche Studie über die glücklichsten Menschen. Mit ihr bestätigen Sie, was wir in Europa alle ahnen: Geld macht nicht glücklich. Da Deutschland nur auf Platz 42 Ihrer Untersuchung gelandet ist, dachte ich, Zeit, was zu unternehmen. Da ich, ohne daß ich näher darauf eingehen möchte, mit meinem Leben nicht zufrieden bin (Deutschland, Platz 42), dachte ich, Bangladesch könnte der richtige Ort für einen Neubeginn sein. Vielleicht ist es hier ja gar nicht so übel, wie wir denken, was? Ich werde Sie auf dem laufenden halten.

Menschen überall, sie stehen, und hocken und sitzen, starren den Verkehr an. Viele wohnen neben den Müllhaufen. Sie haben Planen an Zäune geknüpft. Einige sind nackt. Die Zahl der Einwohner Dhakas kann nur geschätzt werden. Die des ganzen Landes, das um einiges kleiner als die Bundesrepu-blik ist, beträgt 120 Millionen. In Dhaka, wird vermutet, leben viele Millionen auf der Straße und in Slums. Durch den Smog scheint die Sonne lila.

Das Glück hätte man auf Trinidad vermutet, in Thailand, irgendwo, wo gelächelt wird und getanzt. Hier tanzt kein Schwein. Aber ich möchte Ihre Studie, Herr Professor, nicht in Frage stellen. Bestimmt ist das Glück eine sensible Sache, und der Charakter eines Landes offenbart sich nicht direkt. Man muß sich mit dem Land vertraut machen, wie mit einem Menschen. Ich werde versuchen, in einer Woche das Land zu verstehen, das Glück zu begreifen, und dafür durchquert man es am besten in einem gemächlichen Tempo.

Das Auto, mit dem ich reise, fährt 30 km/h, schneller ist nicht drin, denn die Straße wirkt wie etwas, das Bagger liegengelassen haben. Vor der Stadt sieht es nicht viel anders aus als in ihr. Hütten, Staub, zu viele Menschen auf zu wenig Platz. Bangladesch ist ein Agrarstaat. 80 Prozent derer, die überhaupt Arbeit haben, machen in Landwirtschaft. Ab und zu eine Fabrik, die Ziegel brennt oder chemische Dinge herstellt. Bangla-desch ist so stolz auf diese häßlichen kleinen Fabriken, daß Postkarten damit bedruckt werden.

Nach fünf Stunden komme ich zur größten Attraktion des Landes: der Gumona Bridge. Eine lange Brücke über den Jamuna, einem der beiden dicken Flüsse in Ban-gladesch. Die Brücke ist einfach eine Brücke, Touristen sitzen in einem Doppeldeckerbus und fahren auf der Brücke hin und her. Dabei sehen sie den Fluß nicht, sondern nur eine Asphaltstraße. Sie fotografieren sich darauf. Nach der Brücke wieder Reisfelder. Wasserbüffel machen ihren Job, die Luft ist sauber, solange keine kleine Fabrik in der Nähe ist, und wie in vielen Ländern der Dritten Welt fragt man sich: Warum gehen die Menschen von der Armut der Dörfer, wo man wenigstens atmen kann, in die Armut der Stadt, die um vieles unmenschlicher scheint?

Der Boden in Bangladesch ist sehr fruchtbar, solange er vorhanden ist. Ein Bauer zeigt mir seine Hütte. Sind Sie glücklich? frage ich ihn, als wir in den dunklen acht Quadratmetern stehen, die er sich mit seiner Frau und fünf Kindern teilt. Der Bauer sagt: "Ja. Sehen Sie, da (er zeigt auf einen breiten, gelben Fluß) stand vergangenes Jahr unser Dorf. Jetzt haben wir nichts mehr. Eine Wellblechhütte an der Straße, denn da darf man ohne Genehmigung bauen, aber keine Arbeit mehr. Wir müssen weg, sonst verhungern wir."