Slobodan Milocevic begrüßt seine Besucher mit schraubstockhaftem Handschlag und läßt einen Obstler als Willkommenstrunk reichen, ehe er Platz zu nehmen bittet. Die Sitzgruppe im Salon des Belgrader Präsidentenpalais, wo er hofhält, kennt das Publikum mittlerweile aus ungezählten Fernsehaufnahmen. Dort sitzt er, breitbeinig, die geballten Fäuste auf den Armlehnen seines Sessels, und doziert, schmeichelt, droht; je nachdem. Ungebärdig umrahmt sein weißes Haar das feiste, fahle Gesicht. Mitunter unterstreicht Milocevic seine Argumente mit Handkantenschlägen, die einem Karate-Meister zur Ehre gereichen würden.

Bei Tisch argumentiert er weiter, nichts hemmt seinen Redefluß. Er spricht ein gepflegtes, wohlgesetztes, nuanciertes Banker-Englisch, das er, der auf der Ochsentour in der Partei nach oben kam, sich nebenher in Amerika angeeignet hat. Wenn er sich zum Kaffee eine Monte-Christo-Zigarre ansteckt, mag man ihn fast für einen gemütlichen Menschen halten. Er kann Charme entfalten, sofern er gewinnend wirken will. Aber er kann auch zornig werden, zynisch, laut und grob, wenn ihm dies zweckdienlich erscheint. Übergangslos schaltet er von Jovialität auf Brutalität um.

Sein strotzendes Selbstbewußtsein war nicht zu verkennen. "Wir sind etwas größer als Bulgarien, als Ungarn, als Griechenland. Der Rest auf dem Balkan ist Peanuts." Auch konnte niemandem seine Fähigkeit entgehen, Fakten zu verbiegen oder zu verdrängen, wieselflink die Position zu wechseln, Hirngespinste für die Wirklichkeit zu halten. Jawohl, es habe eine nationalistische Welle gegeben, aber er habe ihr getrotzt. Schon immer sei er für Marktwirtschaft gewesen. Die Presse sei frei in seinem Lande. "Glauben Sie nicht an die Propaganda, die gegen mich organisiert (und bezahlt) worden ist - alles Berge von Lügen!"

Wir sprachen damals schon lang und breit über das Kosovo-Problem. Dort hatte 1987 alles angefangen, als der Erste Parteisekretär Milocevic seinen Landsleuten im Kosovo, die sich von der damals albanischen Parteiführung geschurigelt fühlten, zurief: "Es war nie die Art der Serben, vor Hindernissen zurückzuweichen. Ihr müßt hierbleiben, um eurer Vorfahren willen wie um eurer Nachkommen willen." Am 28. Juni 1989, dem 600. Jahrestag der bitteren serbischen Niederlage gegen die Türken auf dem Amselfeld, goß er weiteres Öl ins Feuer. In einer aufwiegelnden Jubiläumsrede vor einer Million Serben auf der mittelalterlichen Walstatt ließen zwei Sätze aufhorchen: "600 Jahre später stehen wir vor neuen Kämpfen. Noch werden sie nicht mit Waffen geführt, aber dies ist für die Zukunft nicht auszuschließen." Die Kampfansage war nicht zu überhören.

In unserem Gespräch wehrte er sich gegen alle Vorwürfe: "Das war damals eine gute Rede. Ich habe keineswegs Großserbien gefordert. Vielmehr habe ich argumentiert: Haltet Jugoslawien zusammen!" Stillschweigend überging er, daß er damals eine neue Verfassung durchsetzte, die dem Kosovo (und der Vojvodina) seine Autonomie nahm. Dies war der Funke, der das jugoslawische Pulverfaß zur Explosion brachte und den Abfall Sloweniens, Kroatiens, schließlich Bosniens auslöste. Milocevic sieht dies bis heute ganz anders - als gebotene Reaktion auf die Greuel der Kosovo-Albaner: "In den Achtzigern schändeten die Albaner unsere Gräber, hackten unsere Obstbäume ab, vergewaltigten unsere Frauen, steckten unsere Kirchen in Brand. Dem haben wir ein Ende gesetzt." Punktum.

Drei Botschaften gab Milocevic uns damals mit auf den Weg. Erstens: "Das Kosovo ist nicht nur ein Teil Serbiens, es ist das Herz Serbiens." Zweitens: "Wir werden mit der separatistischen Bewegung fertig." Drittens: "Wir betrachten das Kosovo als eine innere Angelegenheit. Wir werden niemals eine internationale Intervention dulden."

Vor zehn Jahren hat Slobodan Milocevic im Kosovo sein erstes Gefecht geliefert. Kämpft er jetzt im Kosovo seinen letzten Kampf? Drei Kriege haben ihm nicht genügt. Jetzt hat er den vierten Krieg vom Zaun gebrochen. Er weigerte sich, seine Unterschrift unter das Rambouillet-Abkommen zu setzen, das der unterdrückten albanischen Mehrheit der Provinz Luft schaffen sollte. Sein kategorisches Nein forderte die Nato zum Gegenschlag heraus. Der Luftkrieg des Westens hat ihn jedoch in der ersten Woche der Nato-Aktion nicht zum Einlenken bewogen. Vielmehr hat der Belgrader Diktator, den Bombern und Bomben zum Trotz, seine Bluthunde losgelassen und im Kosovo eine neue Orgie ethnischer Säuberung entfesselt. Es geht ihm ums Ganze. Wobei er weiß: Diesmal geht es auch um den eigenen Kopf.