Das Kosovo hat der Nato ein Danaergeschenk knapp einen Monat vor ihrem 50. Geburtstag beschert. Das mächtigste Militärbündnis aller Zeiten hat weder die Gemetzel und Vertreibungen in der Unglücksprovinz verhindern noch den im französischen Rambouillet ausgehandelten Friedensplan durchsetzen können.

Zwar ist es der Nato mit einer Serie von Luftangriffen gelungen, die militärische Infrastruktur Serbiens schwer zu beschädigen. Aber noch schwerer beschädigt ist die Glaubwürdigkeit des westlichen Bündnisses. Es ist eine bittere Ironie, daß es doch gerade die Sorge um diese Glaubwürdigkeit war, die den Ausschlag für den Angriff gab.

Die Mindestvoraussetzung dafür wäre, daß politischer Zweck und militärisches Mittel in einem überzeugenden Verhältnis stehen. Davon kann im Kosovo keine Rede sein. Die politischen Ziele sind seit dem ersten Schuß ständig umformuliert worden.

Zunächst ging es darum, Jugoslawiens Führung zu bewegen, die in Rambouillet anvisierte Autonomie des Kosovo im jugoslawischen Staatsverband durch Nato-Truppen schützen zu lassen. Aber war dies wirklich ein so zentrales Ziel, daß es einen Angriff auf einen souveränen Staat rechtfertigen konnte? Der Rambouillet-Plan, den der Krieg doch retten sollte, konnte den Krieg nicht überleben - das war von Anfang an offensichtlich.

Dann hieß es, die Bombardierung solle die serbischen Truppen im Kosovo daran hindern, gegen die albanische Bevölkerung mit der gewohnten Brutalität vorzugehen. Aber mußten Luftschläge der Nato die jugoslawische Führung nicht erst recht in dem Vorhaben bestärken, den Widerstand in der Provinz ein für allemal zu brechen? Und glaubten die Einsatzplaner und ihre politischen Chefs wirklich, mit Luftangriffen die serbischen Milizen im Kosovo an "ethnischen Säuberungen" hindern zu können?

Das Bündnis müßte spätestens seit Bosnien wissen, daß man Kämpfe am Boden nur mit eigenen Bodentruppen beenden kann. Davon aber wollen sämtliche Nato-Staaten immer noch nichts wissen. Dabei rechtfertigen sie ihre Luftangriffe mit der moralischen Pflicht, einen Völkermord zu beenden.

Inzwischen scheint es dem Bündnis nur noch darum zu gehen, dem jugoslawischen Militärapparat soviel Schaden wie möglich zuzufügen. Das politische Ziel dahinter bleibt unklar. Auch eine geschwächte serbische Armee wäre den Kämpfern der kosovarischen UÇK haushoch überlegen. Oder soll Milocevic etwa durch desillusionierte jugoslawische Generäle gestürzt werden? Von Vorstellungen über die künftige Ordnung auf dem Balkan insgesamt und in Serbien insbesondere, die mit derlei Hoffnungen einhergehen müßten, ist nirgendwo etwas zu spüren.

Das verunglückte Krisenmanagement im Kosovo steht exemplarisch für die Schwierigkeiten der Allianz von heute 19 Staaten, eine militärisch schlüssige Aufgabe zu definieren und auszuführen. Diese Schwierigkeiten folgen aus der Art der neuen Krisen. Es geht dabei weniger um die Abwehr spezifischer militärischer Gefahren als um die Beeinflussung politischer Prozesse, weniger um die Beilegung von Streitigkeiten zwischen Staaten als um Eingriffe in Bürgerkriege. Da gibt es nie "chirurgische" Lösungen, saubere Schnitte - kein Wunder, wenn auch die Nato sie im Kosovo nicht findet.

Drei Lehren - eine für Balkan und Kosovo, die bei-den anderen für die künftige Rolle der Nato über-haupt - können dennoch schon aus den Erfahrungen der zurückliegenden acht Tage gezogen werden.

Für Restjugoslawien, das Kosovo eingeschlossen, gibt es nach den Luftangriffen keine Stabilität mehr. Serbien ist wirtschaftlich wie gesellschaftlich ein kaputtes Land. Das Regime Milocevic ist angeschlagen. Das Kosovo läßt sich mit noch so brutaler serbischer Gewalt nicht befrieden. Auch wenn die Nato-Staaten die Entsendung von Bodentruppen heute noch weit von sich weisen, in wenigen Monaten könnte ihnen kaum etwas anderes übrigbleiben.

Für die künftige Rolle der Nato gilt zweierlei. Zum einen: Die Allianz ist trotz ihres Militärpotentials als Krisenmanager nur bedingt tauglich. Gerade weil die neuen Gefährdungen keines ihrer Mitglieder direkt und nicht alle gleichermaßen betreffen, werden gemeinsame Militäraktionen selten bleiben und auch halbherzig ausfallen. Deswegen müssen die Staatsmänner lernen, vollmundigen Drohungen und allzu ehrgeizigen Militärunternehmen zu entsagen. Auch in der bescheidensten Aktion steht die Glaubwürdigkeit ihres Bündnisses insgesamt auf dem Prüfstand.

Zum anderen: Die Nato sollte sich darauf besinnen, daß militärisches Eingreifen in Krisenregionen nicht ihre wichtigste Aufgabe ist. Ihr Auftrag ist nicht militärische Intervention, sondern politische Stabilisierung. Mit jeder Ausweitung der Nato wächst auch die Zone europäischer Stabilität. Diesen Weg hat das Bündnis gerade mit der Aufnahme Polens, Ungarns und der Tschechischen Republik eingeschlagen. Mitgliedschaft im Bündnis bedeutet friedliche Streitbeilegung, Schutz von Minderheiten und gemeinsame Ordnung. Leider ist die Bereitschaft, den Weg der Erweiterung wohlgemut weiterzugehen, inzwischen erlahmt - weil angeblich sonst die militärische Funktionstüchtigkeit des Bündnisses ausgehöhlt würde. Das entscheidende Defizit im Krisenmanagement der Nato, das hat das Kosovo-Debakel gezeigt, liegt jedoch nicht auf dem Felde militärischer Effizienz, sondern in deren politischer Umsetzung.

Nun ist nichts erfolgreicher als der Erfolg, nichts erfolgloser als der Fehlschlag. Hätte Präsident Milocevic sich den Drohungen der Nato-Regierungen gebeugt, hätte er auch noch nach den ersten Luftangriffen eingelenkt, das Brüsseler Vorgehen wäre als Modell für die Nato des 21. Jahrhunderts gefeiert worden. Es ist anders gekommen. Auch wenn Milocevic morgen klein beigeben wollte, versinkt Restjugoslawien im Chaos und bleibt die Nato in der Krise.

Mangels Alternativen ist diese einst zum Schutz Westeuropas geschaffene Allianz der Stabilitätsanker für den ganzen Kontinent geworden. Weil sie im Ko-sovo ihre Möglichkeiten überschätzt hat, ist ein Schatten auf ihre neue Rolle gefallen. Deshalb müssen schonungslos die Lehren aus dem Kosovo-Debakel gezogen werden. Das wäre das beste Geburtstagsgeschenk für die einst so erfolgreiche, jüngst aber allzu selbstsichere Atlantische Allianz.