Lady Thatcher und Lord Pinochet. Das hat Stil (Tudor?), das ist Treue (kanides Albion!). Da sollten sich die Herren von der CDU und CSU einmal ein Beispiel dran nehmen. Auf nach London, eine kleine Wallfahrt in memoriam Franz Josef Strauß und Bruno Heck. Lebt Bruno Heck eigentlich noch? Bei der CDU weiß man ja nie.

Pinochet, Milocevic, und Ernst Jünger wird katholisch - aufregende Tage! Und selbst so am Samstagmorgen, wenn man auf dem Großneumarkt unterm Michel seine Jorker Äpfel, Spätestlese, und seine Bardowicker Möhren gekauft hat und die Wexstraße entlang alsterwärts zieht, ist es ja nicht mehr wie früher. Denn an der Wexstraße tagt jetzt das Weltgericht. Allerdings! In einem der häßlichsten Häuser Hamburgs, gleich gegenüber einem der häßlichsten Häuser Deutschlands, der sogenannten Baubehörde (incl. Stadtentwicklung!), verhandelt zur Zeit der Internationale UN-Seegerichtshof seinen ersten Fall. Einundzwanzig Richter, und die Liste der Namen erinnert irgendwie an Raumschiff Enterprise: Gudmundur Eiriksson aus Island, Tullio Treves aus Italien, Joseph Sinde Warioba aus Tansania, Alexander Yankov aus Bulgarien, Hugo Caminos aus Argentinien, Lihai Zhao aus der VR China, P. Chandrasekhara Rao aus Indien, Anatolij L. Kolodkin aus Rußland, Soji Yamamoto aus Japan, Edward Arthur Laing aus Belize, Mohamed Mouldi Marsit aus Tunesien, Rüdiger Wolfrum aus Deutschland, Gerichtspräsident Thomas A. Mensah aus Ghana... Wexstraße 4, mitten in Hamburg.

Und doch, und doch: ein Anfang. Beziehungsweise ein Ende. Das Ende eines langen Weges, die Ahnung, daß ein circa zweihundert Jahre altes Projekt doch noch einmal Konturen annehmen könnte: das Projekt von der einen Menschheit, die sich einem, gemeinsamem Gericht beugt. Es ist dies der Schritt über Friedenskonferenzen und Völkerbund und Vereinte Nationen hinaus zur Weltrepublik, von der so mancher Utopist geträumt hat, allen voran Jean Baptiste Cloots aus Kleve, der im Paris der großen Revolution die République Universelle proklamierte. In leidenschaftlichen Konventsdebatten hat er, der "Redner des Menschengeschlechts", dafür gekämpft - Debatten übrigens, in denen das revolutionäre Frankreich schon damals all das diskutierte, was heute Europas Schlagzeilen beherrscht: Friedensmissionen, Freiheitsinterventionen, Universalität der Menschenrechte. Hierzulande, wie könnte es anders sein, ist sein Name bis heute verboten; "deutscher Geist" von Wieland bis Thomas Mann hat ihn verhöhnt, den "Narren" Cloots. Insofern gehört es schon zu den Pointen besonderer Art, daß der Internationale Seegerichtshof seinen Sitz ausgerechnet in Deutschland findet.

Natürlich, noch steht dahin, ob das Abenteuer glückt, ob dieses Weltgericht nicht ein barocker Popanz bleibt, ein Chimäre, ohne die Macht, seine Beschlüsse zu exekutieren. Im Fall der Saiga haben sich Guinea und der Karibikstaat St. Vincent & die Grenadinen, unter dessen Flagge der Tanker fährt, immerhin darauf geeinigt, dem Hamburger Urteil zu gehorchen. Und: Von der Arche Noah über die Santa Maria des Columbus und die Dartmouth 1773 im Hafen von Boston bis hin zu Gagarins Raumkapsel Wostok - begann nicht schon manche Epoche der Menschheit auf resp. mit einem Schiff? Weltrepublik ahoi!