Es wird wie eine Invasion sein. 30 Millionen Pilger werden erwartet. Wenn Rom, die Ewige Stadt, im nächsten Jahr das Heilige Jahr feiert, das die katholische Kirche alle 25 Jahre mit einer großen Ablaßwallfahrt begeht, muß das ein Jubeljahr ohnegleichen geben, denn das Ereignis fällt mit dem Millennium zusammen. 2000 Jahre Christentum werden dann gefeiert. Wie die Stadt Rom, die ohnehin im täglichen Verkehrschaos erstickt, mit einer solchen Besucheroffensive fertig werden soll, ist ein Rätsel. Eine Feuerprobe war kürzlich die dreitägige Visite des persischen Staatspräsidenten Khatami. Für drei Tage brach der Verkehr völlig zusammen. "Eine Stadt im Kriegszustand", jammerte die römische Tageszeitung La Repubblica. Es war ein Vorgeschmack aufs Heilige Jahr. Die Apokalypse läßt grüßen.

Schlagartig und ohne Vorankündigung wurde in den Mittagsstunden die Via Condotti von Polizeieinheiten gesperrt. In wenigen Minuten ist die zentrale Fußgängerstraße zu Füßen der Spanischen Treppe menschenleer. In den Luxusboutiquen von Gucci und Bulgari sitzen beklommen japanische Touristen fest. Vorübergehend darf das Café Greco weder betreten noch verlassen werden. Niedrig fliegende Polizeihubschrauber kreisen im frühlingsblauen Himmel.

Viele Menschen erreichen ihren Arbeitsplatz nicht. Nach Hause zurückfahren geht auch nicht. Nur die breite Hauptstraße, die Mussolini einst quer durch das Forum Romanum ziehen ließ, ist plötzlich verkehrsfrei. Diese Hauptverkehrsader der römischen Innenstadt ließ der Innenminister sperren, um 3000 persische Regimekritiker gegen den Besuch ihres Staatsoberhaupts protestieren zu lassen. Bitter beklagte Roms Bürgermeister Francesco Rutelli nach dem chaotischen Dreitagetest, daß seine Stadt neben dem Ausrichten des Heiligen Jahres für den Kirchenstaat auch noch mit Staatsempfängen drangsaliert werde. Ließen sich ausländische Oberhäupter nicht auch in Venedig oder Florenz empfangen? Immerhin wird mit den Gewerkschaftern verhandelt, die Hauptstadt im Heiligen Jahr mit Streikmanifestationen zu verschonen.

Die Furcht vor dem Kollaps sitzt den Römern nach dem Khatami-Besuch in den Knochen. Eine zweite Generalprobe steht bevor. Am 2. Mai, einen Tag nach dem traditionellen Aufmarsch der Arbeiterverbände, kommt es im Petersdom zur Seligsprechung des Padro Pio, eines Kapuzinermönchs aus Apulien, der vor 30 Jahren verstarb und seither als Wunderheiler verehrt wird. Aus Anlaß der Seligsprechung rechnet der Vatikan mit dem Anmarsch von über einer Million Pilgern.

Bitte, kommt nicht! flehten die Stadtväter unumwunden in den Medien, worüber man sich im Vatikan pikiert zeigte. Überhaupt nimmt der Dissens zwischen dem Kirchenstaat und der Stadt Rom an Heftigkeit zu, je näher das Heilige Jahr heranrückt, das mit der Öffnung der zugemauerten Porta Santa in der Vorhalle des Petersdoms am 24. Dezember dieses Jahres feierlich beginnt.

Mangelnde Kooperation sowie Nichteinhaltung von Verabredungen über limitierte Pilgerbusse bemängelte Bürgermeister Rutelli, der auch oberster Planungskommissar für die Jubelfeierlichkeiten ist. Und auch bei vielen seiner Bürger hat sich die anfängliche Begeisterung längst in Wut und Protest verwandelt.

700 Baustellen verschandeln derzeit das Bild der Stadt, überall wird gehämmert und gebohrt, drehen sich Baukräne, rotieren Zementmischmaschinen. Straßensperren und Umleitungen machen den Autofahrern das Leben schwer. 1500 Strafzettel täglich für falsches Parken, 250 abgeschleppte Wagen an einem einzigen Tag sind die Norm. An vielen Baustellen wird rund um die Uhr Tag und Nacht gearbeitet, denn der Termin drückt. Doch längst ist vielen Bürgern Roms klargeworden, daß ihre Ewige Stadt auch eine ewige Baustelle bleiben wird, bis lange nach dem Heiligen Jahr.