Irgendwie kam mir das Gesicht des Greises bekannt vor, wie die unvermutet gealterte Variante des Gesichts von jemandem, der vor längerer Zeit in der U-Bahn, als der Zug kurz vor der Einfahrt in den nächsten Bahnhof im Tunnel hielt, im Zwielicht der Notbeleuchtung ohne Unterlaß auf mich eingeredet hatte. Die Erinnerung kam plötzlich und berührte mich unangenehm, und ich fühlte mich auf unklare Weise genötigt, auf sein lächerliches Geschwätz einzugehen, irgend etwas zu entgegnen, in der Art etwa, daß Fliegen keine Frage des Alters sei, sondern eher eine Frage der Geschlechtszugehörigkeit, des persönlichen Mutes also und der Fähigkeit, große Dinge zu vollbringen. Zum Beispiel, Frauen unter sich in Straßenschluchten und in Bussen zurückzulassen, sich selbst über alles zu erheben, Wagnisse einzugehen, in Unbekanntes aufzubrechen, Städte und Länder und Namen zu wechseln, als wären es abgetragene Kleidungsstücke. Verbindungen abzubrechen ohne Rücksicht auf Verluste wie beispielsweise den Verlust von Telefonen, von Geld, von Aktien, Kunden, Agentinnen und Freunden, weil man ja, genaugenommen, im Leben sowieso nichts zu verlieren habe, und ähnlicher Unsinn.

Aber zu meinem Erstaunen brachte ich keinen einzigen Ton heraus. Meine Kehle war wie ausgetrocknet, die Zunge im Mund seltsam verklumpt. Ich spürte, wie ich nur unablässig die Lippen bewegte und undeutliche Worte formte, während das Gesicht des Greises, dessen anfängliche Vertraulichkeit einer gewissen Häme gewichen war, hinter dem dünnen Vorhang seiner weißen Haare zunehmend an Kontur verlor, bis schließlich nur noch ein vages Grinsen in der Vormittagsluft hing, dem eines Totenschädels nicht unähnlich. Von irgendwoher hörte ich seine immer leiser werdende Stimme, sein unablässig lästiges Gemurmel: Daß ich das noch erleben darf, daß ich das noch erleben darf, etwas ganz Besonderes, heute etwas besonders Besonderes, bevor sich die Stimme in hohles Kichern auflöste.

Ich sah auch Xenia, die sich mit dem linken Arm bei einem mir unbekannten jungen Mann untergehakt hatte. Er war hochgewachsen und trug das Haar kurz geschnitten. Aber warum war Xenia blond? Färbte sie sich womöglich die Haare? An ihrer rechten Hand lief ein Junge, der Jakob ähnlich sah und nicht Jakob war. Wo kam dieser Junge her? Und warum ließ sie ihn an der nächsten Ecke neben einem Gebäude, das mich entfernt an das Verwaltungsgebäude der Sinnstiftung erinnerte, das nicht in der Kantstraße lag, einfach stehen, nachdem sie ihn flüchtig auf die Stirn geküßt hatte, während ihr junger Begleiter dem Jungen kumpelhaft auf die Schulter schlug? In diesem Moment begann es wie aus platzenden Wolken zu regnen, die ganze Szenerie verschwamm vor meinen Augen, und im rasenden Fall nach unten versuchte ich verzweifelt, mich an irgend etwas festzuhalten, aber ich bekam nichts zu fassen, weder einen der herumfliegenden Stöcke noch den Ärmel eines der Mäntel der anderen Flieger.

Durch die immer dichter werdende Wand des Regens griff ich wieder und wieder sinnlos ins Leere, bis ich aufgab, die Augen schloß und den Mund öffnete, aber ich kam nicht dazu, zu schreien, weil sich mein Mund sofort mit Wasser füllte.

Bevor ich unten aufschlug, hörte ich plötzlich in der Ferne jemanden lachen, tote Seelen, russisches Gelächter. Tamara! Ich fühlte mich erbärmlich ausgeliefert und seltsam getröstet zugleich und öffnete langsam die Augen.

Daß ich das noch erleben darf, rief Tamara und: Was für ein Träumer! Sie sah hellwach und großartig aus, beugte sich über mich, spitzte den Mund und küßte die stickige Luft des Zimmers über mir. In Wahrheit war sie entrüstet, weil ich das Fliegen so schlecht vertrug. Wie ein kleinmütiger Passagier, der schreit, schwitzt vor dem Absturz, rief sie und warf triumphierend ihr langes blondes Haar in den herrlichen Nacken. Dann trat sie zwei Schritte von meinem Bett zurück, um mich genauer zu betrachten.

In der Linken hielt sie die Gießkanne, deren Inhalt sie zur Hälfte über mir ausgegossen hatte. Mein Kissen war vollkommen durchnäßt. Die Rechte schwenkte mein Telefon, kaputt, sagte sie, du taugst wirklich nicht zum Liebhaber, Liebhaber sollten erreichbar sein. Die ganze Nacht über habe ich es versucht. Aber nichts. Keine Antwort. Kein Ton. Nur Knacken und Rauschen. Aber das kennt man ja. Man muß eben doch alles selber machen. Das alte Lied, der große Kummer zwischen den Mahlzeiten, das kleine Bistro für danach und dann die Behörden, die Seelenverkäufer, die Unterschriften.