Moskau

Die "russische" Gegenoffensive hat im Zentrum von Moskau begonnen. Selbsternannte "Patrioten" belagern seit dem ersten Tag der Nato-Luftangriffe auf Serbien die amerikanische Botschaft in Moskau. Die gelb-weiße Fassade des Gebäudes ist zur Haßmauer geworden, an die röhrende Yankee-Jäger alles schleuderten, was ihnen an Repressalien gegen die Supermacht einfiel: Farbbeutel, Eier, Urin, Tomaten. Aus einem vorbeifahrenden Geländewagen versuchten wehrhafte Moskauer sogar, Granaten auf die US-Vertretung abzuschießen. Die Polizei lieferte sich ein kurzes Gefecht mit den Patrioten, die sofort die Flucht ergriffen. Doch sonst war die Bühne frei für die Politiker. Kommunistenführer Gennadij Sjuganow geißelte vor der US-Botschaft den "NatoFaschismus", Wladimir Wolfowitsch Shirinowskij rief per Sprechtüte den Dritten Weltkrieg aus. Bei seinen Handlangern registrierten sich Freiwillige, die gegen die Nato kämpfen wollen, nachdem sie die letzte leere Wodkaflasche gegen die Botschaftsmauer geworfen haben. Die Patrioten drängen ins Kosovo, um sich für die serbische Sache zu opfern. Das russische Vaterland wird den Verlust verschmerzen können.

Die Duma am Moskauer Manegeplatz ist längst zur übelriechenden Großküche patriotischer Launen geworden. Als der russische Außenminister Igor Iwanow die Position der Regierung im Parlament erläuterte, konfrontierten ihn die Abgeordneten mit Forderungen wie dieser: "Wir müssen jetzt unsere Rohstofflieferungen an den Westen stoppen und alle Beziehungen abbrechen!" Das Gespür für Rußlands nationale Interessen geht vor allem den Nationalisten ab. Obwohl der Internationale Währungsfonds Moskau am Montag abend einen Milliardenkredit in Aussicht gestellt hat, fordern nicht nur Gennadij Sjuganow und Wladimir Shirinowskij, das Waffenembargo zu brechen und den Serben "alles" zu liefern, was sie im "Überlebenskampf gegen die Nato-Aggressoren" brauchen.

Jeder russische Patriot tönt in diesen Tagen, daß die Serben schon immer die besten Freunde der Russen waren. Dieser triefende Mythos wird im Parlament und in Talk-Shows breitgetreten, ohne daß auch nur ein Historiker aufsteht und dies als panslawisches Wunschbild der neunziger Jahre enthüllt. Die jugoslawische Armee hat viele ihrer strategischen Abwehrstellungen erst vor wenigen Jahren von Osten nach Westen ausgerichtet. Russen und Serben verdrängen, daß der jugoslawische Führer Tito die Nato weniger fürchtete als einen Angriff der "sozialistischen Brüder" aus der UdSSR.

Nur deshalb konnte Borislav Milocevic, der Bruder des Belgrader Diktators und serbischer Botschafter in Rußland, am ersten Tag der Luftangriffe mit geheucheltem Trübsinn auf einer Moskauer Pressekonferenz behaupten, die Nato-Angriffe hätten Dutzende von Toten und Hunderte von Schwerverletzten gefordert. Beflissen schrieben die Journalisten mit, niemand hinterfragte diese Zahlen. Die Albaner, die zur gleichen Zeit zu Zehntausenden vor serbischen Todesschwadronen über die Grenzen nach Albanien und Mazedonien flüchteten, waren auf der Pressekonferenz kein Thema. Russische Fernsehsender zeigen statt dessen zerstörte Wohnhäuser in Serbien, angeblich Altersheime und Kindergärten. Das Material stammt von den Schneidetischen des Belgrader Informationsministeriums. Serbische Soldaten schossen in den vergangenen Tagen am Stadtrand von Novi Sad leerstehende zivile Gebäude in Brand und ließen die zerstörten Häuser dann unter der Vorstecklinse "Barbarei der Nato-Aggressoren" aufnehmen. In Rußland, wo noch vor zwölf Jahren viele der Propaganda des Sowjetregimes mißtrauten, werden die fabrizierten Filme der Belgrader Machthaber ohne den Anflug eines Zweifels gesendet.

Primakow weiß, daß er auf das Geld des Westens angewiesen ist

Von der panslawischen Agitation distanzieren sich nur wenige Redaktionen wie die Fernsehsendung Itogi auf NTW oder die Tageszeitung Kommersant. Zu viele Journalisten aber erliegen dem introvertierten Wahn, der auch die Diskussionen der Duma beherrscht: "Rußland ist in Gefahr!" Die Dominotheorie, die einst im Kalten Krieg westliche Strategen beunruhigte, drehen Moskauer Politiker und Redakteure heute um: "Erst bombardierten die Amerikaner Bosnien, dann den Irak, heute Serbien und morgen - uns?" Das Massenblatt Komsomolskaja prawda verglich unter der Überschrift Wie stoppen wir den Soldaten James Ryan? die Waffenarsenale der Nato und Rußlands, als stünde die Konfrontation kurz bevor.