Lang ist es her, das Gezeter um die Postmoderne. Eigentlich hatte man es schon vergessen, da entschloß sich die Redaktion des Merkurs unlängst zu einer Nachlese. Viel Neues kam dabei zwar nicht heraus, doch gab sich hier erstaunlicherweise eine Art nachholenden Abgrenzungsbedarfs kund. So wurde, bis auf einige lesenswerte Ausnahmen, die Postmoderne noch einmal vermessen, verurteilt und schließlich verabschiedet. Kurzum, unwiederbringlich soll zu Ende sein, was es angeblich gar nicht gegeben hat. Das klingt paradox und ist es auch. Unwillkürlich denkt man an ein Revival der Auseinandersetzungen in den achtziger Jahren, als zum erstenmal das Zeichen postmodernen Unheils à la française erstrahlte.

Damals sollten wir Modernen uns von Beliebigkeit, Unvernunft und moralischer Verwahrlosung umstellt sehen. Es brauchte viel Katastrophe und Feindschaft, um das Projekt der Moderne noch einmal wie in einer Wagenburg zu versammeln. Vor diesem Hintergrund könnte das jetzt posthum in deutscher Übersetzung erschienene Buch des wohl bekanntesten Protagonisten der Postmoderne, Jean François Lyotard, auch als Antwort auf die vielen Anfechtungen verstanden werden. Lyotard tritt noch einmal an, unter dem bezeichnenden Titel Postmoderne Moralitäten.

Denkt man an die schrillen Tönen der vergangenen Debatten, ist an den hier versammelten Texten vor allem ihr unaufgeregter Ton bemerkenswert. Abgeklärt, fast schon müde werden die bekannten Thesen wiederholt. Noch einmal wird das Ende der großen Erzählungen beschworen, die unserer unsicheren Existenz einst Hoffnung und Trost versprachen. Noch einmal wird vor den totalitären Systementwürfen gewarnt, die in unserem Jahrhundert so viel Unheil angerichtet haben. Fehlen darf hier selbstredend auch nicht der Hinweis, daß die moderne Vielfalt der Lebensstile und Kulturen keineswegs Unordnung bedeutet, sondern als Bereicherung zu verstehen ist.

Freilich, wer das heute liest, wird sich achselzuckend fragen, ob das schon alles war und ob man sich vor über zehn Jahren allen Ernstes darüber streiten mußte. Heute jedenfalls scheinen uns die großen Versöhnungs- und Vereinheitlichungsutopien endgültig abhanden gekommen. Das Himmelstor ist vernagelt, und auch das innerweltliche Heil ist uns verwehrt. Dies ist durchaus im Sinne Lyotards, denn er versteht sich, Postmoderne hin oder her, als Denker der Moderne. Genauer, versucht sein Denken die Moderne zu vollenden, indem es auch noch ihre letzten religiösen Potentiale dekonstruiert: keine Erlösung aus dem irdischen Jammertal, keine Befreiung im Namen marxistischer Heilsgeschichte, keine glückliche Heimkehr in der Menschheitsodyssee.

Die Profanisierung ist total, der Rest ist Realpolitik. Das geht nicht ohne Ernüchterung ab, wir sind "von der Offensive zur Defensive" übergegangen. Diese Wende bedeutet einen Verzicht auf politischen Avantgardismus, sie ist aber keinesfalls orientierungslos. Für Lyotard hat sich bloß die Strategie geändert, nicht mehr Angriff, sondern Verteidigung steht jetzt auf dem Programm, etwa die Verteidigung der Menschenrechte, der Schutz der individuellen Würde vor den Zumutungen der Politik und der Ökonomie und auch die Bewahrung kultureller Minderheiten.

Darüber hinaus möchte Lyotard auch das Ästhetische retten, jene Erhabenheit und Einmaligkeit der Kunst, wie er beispielhaft an Barnett Newman, Maurice Blanchot und Franz Kafka erläutert. Sein philosophisches Interesse an der künstlerischen Moderne verbindet Lyotard durchaus mit den älteren Vertretern der Kritischen Theorie, mit Benjamin und Adorno. Es geht um das Bewußtsein, das Gespür für das Nichtidentische, um die Erfahrung eines Moments der Differenz und der Irritation, die inmitten unserer Alltagsroutinen doch möglich bleibt. Mit allem Nachdruck reklamiert Lyotard für die Kunst eine kritische Funktion. Sie bezeugt, wenn vielleicht auch nur für einen kurzen, geglückten Moment, jenen Überschuß, jenes andere, das dem Verwertungsinteresse der allgegenwärtigen und alles verschlingenden Kulturgüterindustrie trotzig widersteht.

Der Sinn für das Andersartige, mithin Aufdringliche oder Störende, bleibt für Lyotard nicht nur auf das Ästhetische beschränkt. Auch eine ethische Dimension wird eröffnet: Wir können aus der sperrigen und herausfordernden Eigenart moderner Kunst lernen, mit Fremdheit nicht nur innerhalb unserer Museen und Galerien umzugehen, sondern auch in der sozialen Wirklichkeit.