Der Hauptgewinner im Wettbewerb um den größten Trottel des Jahres 1998 war ein lateinamerikanischer patriotischer Terrorist, der eine Briefbombe an das US-Konsulat schickte, um gegen die amerikanische Einmischung in die Politik seines Landes zu protestieren. Als pflichtbewußter Bürger schrieb er seine Adresse auf den Umschlag, vergaß jedoch, Briefmarken aufzukleben, so daß die Post den Brief an ihn zurückschickte. Da er ihn vergessen hatte, öffnete er den Brief und jagte sich selbst in die Luft - ein perfektes Beispiel dafür, daß ein Brief letztlich immer seinen Schickungsort erreicht.

Widerfährt Slobodan Milocevic' Regime mit dem aktuellen Nato-Bombardement nicht etwas ganz Ähnliches? Jahrelang hat Milocevic Briefbomben an seine Nachbarn geschickt, nach Albanien, Kroatien und Slowenien. Er legte Feuer rund um Serbien. Sein letzter Brief ist schließlich zu ihm zurückgekommen. Hoffen wir, daß die Nato-Intervention dazu führt, daß Milocevic zum politischen Trottel des Jahres wird.

Es ist einfach, die Bombardierung Jugoslawiens durch die Nato als erste Intervention in ein Land mit voller nationaler Souveränität zu preisen. Ist es nicht angenehm zu sehen, daß die Nato-Truppen nicht bestimmter ökonomischer Interessen wegen eingreifen, sondern schlicht deshalb, weil ein Land die Menschenrechte einer anderen ethnischen Gruppe grausam verletzt? Ist das nicht die einzige Hoffnung in unserer Zeit, daß eine international anerkannte Gewalt garantiert, daß alle Länder ein Minimum an ethischen Standards respektieren? Doch die Situation ist komplexer, und das wird schon dadurch deutlich, wie die Nato selbst ihre Intervention rechtfertigt: Die Erwähnung der Menschenrechtsverletzung geht stets einher mit einem vagen Hinweis auf "strategische Interessen".

Die Nato als Retter der Menschenrechte - das ist nur eine von zwei Geschichten, die man über die Bombardierung Jugoslawiens erzählen kann. Die zweite Geschichte betrifft die andere Seite der vielgerühmten neuen ethischen Weltpolitik, die es erlaubt, die nationale Souveränität zu verletzen, um die Menschenrechte zu schützen. Einen ersten Eindruck von der anderen Seite gewinnt man, wenn man beobachtet, wie die westlichen Medien einen lokalen "Kriegsherrn" zur Personifizierung des Bösen stilisieren. Ob Saddam Hussein oder jetzt Milocevic - immer heißt es: "die Gemeinschaft der zivilisierten Länder gegen..." Aber auf welchen Kriterien beruht diese Unterscheidung? Warum Albaner in Serbien beschützen, nicht aber Palästinenser in Israel, Kurden in der Türkei et cetera? Und hier bekommen wir es natürlich mit der schattigen Welt des internationalen Kapitals zu tun...

In seinem soeben erschienenen Buch Censored 1999 enthüllt Carl Jensen, daß die bestgehütete Story des Jahres 1998 ein halbgeheimes internationales Übereinkommen mit dem Titel MAI (Multilateral Agreement on Investment) war. Das Hauptziel von MAI: die ausländischen Interessen von multinationalen Unternehmen zu schützen. Das Übereinkommen wird die Souveränität der Nation unterminieren, weil es den Großkonzernen fast dieselbe Macht verleiht wie den Ländern, in denen sie angesiedelt sind. Regierungen werden nicht mehr in der Lage sein, die einheimischen Firmen besser zu behandeln als die ausländischen Unternehmen. Die Konzerne können dann souveräne Staaten verklagen, wenn diese ihnen unzumutbar erscheinende ökologische oder andere Standards vorgeben.

Renato Ruggerio, der Direktor der World Trade Organization, bejubelt dieses Projekt, das fast ohne Medienaufmerksamkeit entwickelt wurde, bereits als "Grundstein einer neuen globalen Wirtschaft". Genau dies ist also die Kehrseite der vielgerühmten neuen globalen Moralität, die sogar von einigen neoliberalen Philosophen als Beginn einer Ära gerühmt wird, in der die internationale Gemeinschaft Staaten selbst in ihrem eigenen Territorium daran hindert, Verbrechen wider die Menschenrechte zu begehen.

Auch diese andere Geschichte hat also ihre ominöse militärische Seite. Die letzten amerikanischen Interventionen läuteten eine neue Etappe in der Militärgeschichte ein - Schlachten, in denen der Angreifer fast schon unter Zwang steht, keine Opfer in den eigenen Reihen zu haben. Und war der Kontrapunkt dazu nicht die fast schon surreale Kriegsberichterstattung von CNN? Der Golfkrieg wurde nicht nur von amerikanischer Seite als TV-Ereignis präsentiert, die Iraker selbst haben ihn so behandelt. Tagsüber war Bagdad eine normale Stadt voller Leute, ganz als wären Krieg und Bomben irreale alptraumhafte Gespenster, die nur nachts auftauchten.