Die Bergpredigt setzt schon im ersten Satz mit dem ein, was sie ihrem ganzen Wesen nach ist: mit dem vollkommenen Widerspruch zu unserer Welt, wie sie ist. Und doch zugleich mit dem endgültigen Ausdruck dessen, was sie sein soll. In Zuspruch und Widerspruch formuliert dieser Leittext den christlichen Anspruch auf die Welt - als deren vollendete Veränderung.

Nun ist aber die Welt, wie sie ist. Hat dies der Bergpredigt die Kraft genommen, nach 2000 Jahren des Christentums? Die Kraft genommen zumal angesichts der Tatsache, daß das Christentum vom Widerspruch der Bergpredigt geprägt ist - und ihr oft genug zuwider gelebt hat? Das Rätsel, man könnte es fast ein Wunder nennen: Kein Text steht so quer zum vermeintlich wirklichen Leben - und trotzdem läßt er die Menschen nicht los. Es ist so, als glaubten sie in Wirklichkeit nicht, woran sie in der Wirklichkeit nicht glauben. Vermeintlich nicht glauben.

Eine solche Behauptung widerspricht allen plausiblen menschlichen Erfahrungen. Selbst wenn diese Behauptung nur als Futur gemeint wäre (Ja, irgendwann im Himmelreich, das sie dann erben werden, werden sie für alle Unbill hierzulande entschädigt werden...), wirkte sie als ein allzu billiger, fast zynisch zu nennender Trost: Opium des armen Volkes. Aber nun steht dieser Satz auch noch im Indikativ: Selig sind...

Es gibt hier also vieles zu erklären: Wie kann dieses Gedicht der acht Seligpreisungen, zwei Strophen zu vier Versen, das die Bergpredigt einleitet, trotz seines offenkundigen Widerspruchs zu unseren Erfahrungen, seines - wie es scheint - Widersinnes in unserer Welt, die Zeiten überdauern? Wie kann die Bergpredigt zu einem Leittext unserer, wie man so sagt: abendländischen Zivilisation geworden sein, obschon doch das Abendland in seiner gesamten Geschichte den Imperativen der Bergpredigt so wenig entsprechen wollte? Zu erklären bleibt vor allem, wie nicht nur dieser christliche Kardinaltext, sondern warum das Christentum überhaupt seine Geschichte überlebt hat. Und hat es diese fast zweitausendjährige Geschichte wirklich überlebt, endgültig?

Unser Kulturkreis richtet sich immer hektischer auf den Jahrtausendwechsel ein. Er steht uns bevor, weil unsere Zeitrechnung an der Biographie ebenjenes Mannes anknüpft, dem die Bergpredigt zugeschrieben wird: Wir leben - immer noch - im Jahre 1999 nach Christi Geburt, obschon die alte DDR den gekünstelten Versuch unternommen hatte, das Kürzel "n.Chr." zu ersetzen durch "u.Z." - unserer Zeit. Aber wer hätte sie uns denn gegeben, unsere Zeit? Oder von wem hätten wir sie uns genommen und sie uns angeeignet?

Wenn also das Christentum bis heute überlebt hat, und zwar als die unsere Zeitrechnung definierende Instanz, dann wegen der ungestillten Energie von ursprünglichen Texten wie der Bergpredigt.

Die Bergpredigt erklären heißt ein Stück dieser Widerspruchsgeschichte erklären: zwischen Verfolgtsein und Herrschen, zwischen Krieg und Frieden, Dogmatik und Toleranz, Einheit und Spaltung, zwischen Widerstand und Ergebung, Märtyrertum und Verrat - zwischen Wein und Wasser, in Predigt und Verhalten. Das, was die ursprünglichen Texte ausmacht, war offenbar nicht umzubringen durch das, was aus ihnen gemacht wurde. Es ist nicht nur so, daß der Text die Widersprüche ausgehalten hätte; sondern die Widersprüche halten den Text offen, bewahren ihn vor der gültigen, der endgültigen - und damit letztlich: un-gültigen "amtlichen" Interpretation. Der Geist ist ein Wühler!