Zum Schönsten, was der Mensch erleben kann, gehört der Anblick von Sonnenuntergängen im Englischen Garten in München - wenn das Tageslicht schon ziemlich früh ausgeht und der an manchen Tagen besonders hohe Himmel zu erröten beginnt. In den Bäumen beginnen dann Krähen zu kreischen, als hätten sie Nietzsche gelesen, und wie es sich für einen kosmischen Moment gehört, scheint in weitem Umkreis alles stillzustehen, bis auf die Jugendlichen und das Wummern eines Ghettoblasters, den sie erfolgreich einsetzen, um die unerträgliche Stille zu vertreiben.

Bis zu 366 Sonnenuntergänge kann der Mensch im Jahr sehen, und jeder ist anders. Manche sind rot und golden, als wollten sie für eine Caspar-David-Friedrich-Ausstellung werben, andere quälen sich und uns stundenlang mit dunstigem Gewaber, bis sie meist einfach verschwunden sind. Gemeinsam ist allen, daß sie nichts kosten außer ein bißchen Aufmerksamkeit und dennoch unbezahlbar sind. Die Romantischen unter den Lesern werden sicher zustimmen.

Ganz so einfach geht's natürlich nicht, vor allem nicht, wenn es beim Nachbau eines Sonnenuntergangs nicht bleiben soll. Nehmen wir uns doch mal die ganze Erde vor. Welchen Wert stellt unser Planet heute eigentlich dar? Wieviel müßten die russischen Kernkraftwerksbetreiber oder Schweizer Chemiekonzerne anlegen, um im schlimmsten aller Fälle alles ersetzen zu können? Wie tief muß in die Tasche greifen, wer tun will, was früher Göttern vorbehalten war - die Welt nachbauen?

Eine halbwegs vernünftige Antwort auf die Frage: "Was kostet die Welt?" darf man sich von Unternehmern erhoffen, die mit solchen Projekten Erfahrung haben. Dirk Koch fällt mir da ein, der mit seiner Kölner Firma cits schon alle möglichen Dinge für die werbetreibende Wirtschaft gebaut hat; etwa den Schwarzwald für eine Kundenveranstaltung, nicht ganz in Originalgröße, aber täuschend echt.

Wer das schafft, kennt mental keine Grenzen - und nach einem Anruf schlägt er vor: "Die ganze Welt nachbauen, okay. Am besten kalkulieren wir erst mal einen Teil durch, zum Beispiel die Alpen. Dann können wir den Rest hochrechnen."

Schon eine Woche später kommen die Ergebnisse: Wer die Alpen nachbauen will, der nehme 250000 Quadratkilometer flaches Land und eine Handvoll (20000) Lkw, die 11 Jahre lang Gebirge daraufkippen. Die Steine dazu holt man sich, so praktisch kann die Schöpfung sein, vom Ausbaggern der Meere - "vom Bau der Ostsee zum Beispiel". Von der Fläche sind 12500 Quadratkilometer für Städte und Dörfer, dazu der Platz für 900000 Kilometer Straßen und 60000 Kilometer Bahnlinien abzuzweigen. Und weil die Alpen ohne Natur irgendwie nicht dasselbe wären, müssen noch 370 Milliarden Bäume gepflanzt werden, zu 18 Mark das Stück. An die Kosten für Fauna - Murmel- und andere Tiere - traut sich Dirk Koch allerdings nicht ran: "Zu viele seltene Arten!" Da kann das Budget gar nicht hoch genug sein. Kurzum, die Alpen kosten uns mindestens 6674660000000000 Mark - ohne Baupläne, Bauleitung, Lkw, Stauseen, Blasmusik und Bevölkerung.

Die Bevölkerung ist ein Problem. Selbst wenn man so viele Roboter bauen und programmieren könnte, wäre eine Welt voll künstlicher Menschen sehr langweilig. Darum Kochs Vorschlag, Komparsen als Menschendarsteller zu beschäftigen. Setzt man 50 Mark pro Person und Tag an, käme der Betrieb der Erde vom Personal her auf täglich 225 Milliarden Mark.