Die wahren Abenteuer liegen im Osten. In Spanien oder Kalifornien trinken wir denselben Rotwein wie zu Hause. Und plaudern mit Juan oder Jim über den neuesten Kinohit, wie wenn wir daheim am Küchentisch säßen. In Rußland ist alles anders; dort erklingt das Leben nach einer ganz eigenen Melodie. In seiner Ballade vom Baikalsee lauscht Klaus Bednarz den fremdartigen Tönen. Er erzählt von Begegnungen mit Menschen und Landschaften, in denen er dem Geheimnis Sibiriens nachspürt. "Du siehst die Schönheit dieser Natur und fühlst ihre Gewalt. Und wirst als Mensch ganz demütig", erzählt der Maler Jurij Panow, der ursprünglich aus der Ukraine stammt. Jahrzehnte der Verbannung haben den Sohn eines "Volksfeindes" in Sibirien heimisch gemacht - am Baikal, dem heiligen Meer.

636 Kilometer lang erstreckt sich der größte, tiefste und auch sauberste See dieser Erde in Rußlands wildem Osten. 2500 Tier- und Pflanzenarten sind hier heimisch; zwei Drittel davon gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Im Sommer strahlt die Sonne warm am stets wolkenlosen Himmel; im Winter wird der See zur Autopiste, obwohl manch ein Lkw schon im Eis einbrach und versank. Die Jahreszeiten diktieren das Leben der Menschen fast so, wie es die Politik tat und tut. Der scharfe Wind aus Stalins Moskau hat viele von ihnen hierhergeblasen; jetzt machen ihnen die neuen Zeiten zu schaffen, die sie erneut ins Abseits drängen. Ein jeder von ihnen war und ist gefordert, die eigenen Überlebensstrategien zu entwickeln. Klaus Bednarz hat Rußlanddeutschen und buddhistischen Mönchen zugehört, hat mit alten KGB-Offizieren und neuen Reichen, mit Robbenforschern und Künstlern gesprochen. Er hat Gespür entwickelt für die Untertöne und zeichnet die Vielfalt der Menschen nach, die es nach Sibirien verschlagen hat.

Die packenden Porträts sind auf einer Winter- und einer Sommerreise an den Baikal entstanden. Sie sind eingebettet in die Beschreibung der Landschaft und der Städte, in die Schilderung der Geschichte und Gegenwart der Region. So entsteht ein umfassendes Bild Sibiriens und seiner Bewohner, das den Leser in Bann schlägt. Bis 1982 war Bednarz fünf Jahre lang Moskau-Korrespondent der ARD. Seither leitet er die Sendung Monitor. Doch Rußland, das er weiterhin regelmäßig besuchte, bewahrte seine Faszination für ihn. So ist sein Buch zu einer Liebeserklärung geraten - auch wenn er Sibirien keineswegs durch die rosarote Brille sieht. Die Ballade vom Baikalsee spiegelt Zuneigung wider, die auf tiefem Verständnis für Land und Leute beruht. Und die er in ebenso klaren wie eindringlichen Sätzen ausdrückt, manchmal voller Poesie, immer ohne Pathos. Fast möchte man bedauern, daß sich Bednarz dem Fernsehjournalismus verschrieben hat. Er läßt auch ohne Kamera lebendige Bilder entstehen, allein mit der Kraft der Worte.

Klaus Bednarz:

Ballade vom Baikalsee

Begegnungen und Landschaften; Europa-Verlag, München 1999; 384 S., 39,80 DM