Schreibt man als Historiker immer nur seine eigene Geschichte?" Zeit ihres Lebens gilt das Interesse von Natalie Zemon Davis jenen, die nicht im Rampenlicht des Weltgeschehens standen. Ihrer Beharrlichkeit, ihrem Einfluß ist es zu verdanken, daß an die Stelle der Chronik großer Männer die Geschichte kleiner Leute trat. Denn Zemon Davis ist kein Alltagsgegenstand zu winzig, kein Ritus zu verschroben und kein Mensch zu unbedeutend. Aber die "Ränder", von denen in den letzten Jahrzehnten so häufig die Rede war, sind für diese Grande Dame der neueren Geschichtsschreibung nicht nur ein dekonstruktivistischer Topos. Sie sind auch ein Motiv ihrer Biographie.

Stolz, den Aufstieg in die amerikanische Mittelschicht geschafft zu haben, waren Natalie Zemons Eltern in den dreißiger Jahren in einen christlichen Stadtteil von Detroit gezogen. Ihre russisch-jüdische Herkunft schienen sie hinter sich gelassen zu haben. Doch als immer mehr Flüchtlinge aus Deutschland eintrafen, ließ sich die eigenen Familiengeschichte nicht länger verdrängen. Natalie Zemons vertiefte sich in sozialistische Schriften, kämpfte als Studentin für Gewerkschaftsrechte, gegen Rassismus und die Atombombe. Als McCarthys die Kommunisten jagte, wurde ihr Paß beschlagnahmt. Die Schlüsselerfahrung ihrer Kindheit, als Jüdin einer Minderheit anzugehören, machte einem Außenseitertum als Sozialistin Platz.

Später lehrte Zemon-Davis in Berkeley und Paris, in Princeton und Toronto; sie half mit, die Frauenstudien an den Universitäten zu etablieren, erforschte die Kornunruhen im frühneuzeitlichen Lyon und verfolgte die Spuren der Maria Sybilla Merian bis zu den Indianerinnen Surinams. Immer bestimmte die Spannung zwischen Zentrum und Peripherie ihre Arbeit. "Ich schrieb erst Arbeiter in die Geschichte ein, dann Juden, dann Indianer und Amerikaner, als nähme ich an irgendeiner Rettungsmission teil", schreibt sie in ihrem Lebensrückblick, der zusammen mit drei historischen Essays erschienen ist. Ihre Menschenfreundlichkeit, ihr Verständnis für Randfiguren und Außenseiter korrigiert nicht nur das Klischee vom Forscher, der in alten Zeiten gräbt, weil ihn die Gegenwart nicht schert. Sie zeichnen auch eine eindrucksvolle Historikerin aus, in deren Arbeit Gelehrsamkeit und methodische Präzision mit moralischer Sensibilität eindrucksvoll verbunden sind.

Vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte erscheinen die anderen, historischen Essays des Bandes in besonderem Licht. Unschwer lassen sie sich tatsächlich als Rettungsmissionen erkennen, deren erste der jüdischen Kaufmannskultur im Hamburg des 17. Jahrhunderts gilt. Dort lebte eine Kauffrau mit Namen Glikl bas Judah Leib, die nach dem Tod ihres Mannes das Geschäft mit Edelmetallen und Juwelen fortführte und ihre zwölf Kinder in sämtliche europäischen Städte verheiratete, um das Handelsnetz der Familie auszubauen. Ihr Zeitgenosse Zwi Hirsch Aschkenasi war Rabbiner in Hamburg und Altona. Auch er legte sein Geld in Edelsteinen an, schlichtete religiöse Konflikte und geschäftliche Streitfälle und bekämpfte sabbatianische Irrlehren.

Die Interpretation dieser beiden Lebensläufe führt ins Zentrum einer alten Auseinandersetzung. Denn bekanntlich wurzelte für Max Weber der Geist des aufstrebenden Kapitalismus in den protestantischen Tugenden, wobei er aber die Bedeutung der jüdischen Kaufleute unterschlug. Sein Kontrahent Werner Sombart erkannte zwar den jüdischen Beitrag, deutete ihn aber als grenzenloses Streben nach Besitz. Für Natalie Zemon-Davis sind beide Lesarten einseitig. Sie zeigt, daß der geschäftliche Ehrgeiz nicht allein dem Reichtum galt, sondern der damit verbundenen Ehre, die nur zu verstehen ist vor dem Hintergrund "einer christlichen Welt, die (den jüdischen Kaufleuten) selten mehr zugestand als das geringe Ehrgefühl Shylocks". Ein Bankrott konnte nicht nur den Ehrverlust eines einzelnen nach sich ziehen, sondern den der ganzen jüdischen Gemeinde. Anders als Max Weber will Davis die frühkapitalistische Entwicklung deshalb nicht als wachsende Trennung zwischen Häuslichem und Geschäftlichem verstanden wissen; sie interessiert sich vielmehr für die enge Verquickung von Familie, Geschäft und Religion am Beispiel der jüdischen Kaufmannskultur.

Weber sprach wenig von jüdischen Kaufleuten, Sombart sprach schlecht von ihnen. Im Gegenzug entwirft Davis das Bild einer beinahe heilen Welt: das Bild einer jüdischen Familie, die über halb Europa verstreut, aber vernetzt und loyal ist; die bei ihrem Rabbi Rat einholt über ein Huhn, das vielleicht nicht koscher war, und Geldgeschäfte, die möglicherweise nicht korrekt waren. Sie entwirft das Gegenbild von Kaufleuten, deren Streben nach weltlichen Gütern mit ihrem religiösem Gewissen in Einklang steht. Ein wenig nüchterner, aber thematisch ähnlich verfährt Davis, wenn sie das Leben von Leone Modena, einem spielsüchtigen Rabbiner aus Venedig, interpretiert. Wie andere Selbstzeugnisse der Renaissance kreist Modenas Autobiographie um Selbsterforschung, religiöses Geständnis und Belehrung der kommenden Generationen. Aber während christliche Autoren ihre Sünden enthüllen, versteht Leone Modena seine Laster und Mißerfolge als Strafen oder Prüfungen, die Gott seinem auserwählten Volk im Exil auferlegt. Während Christen sich nur dem Beichtvater und ihren nächsten Angehörigen offenbaren, reiht sich Leone Modenas Bericht in eine jahrhundertealte Erzählung ein, um die Erinnerung an den Familienverband trotz Migration und Vertreibung wachzuhalten.

Die Bedeutung der Familie, der Zusammenhalt der Gemeinde, die Verknüpfung weltlicher und religiöser Bereiche - das sind die Merkmale, mit denen Davis jüdisches Leben zu Beginn der Neuzeit charakterisiert. Dennoch ist sie zurückhaltend, was Verallgemeinerungen, und unwillig, was letztgültige historische Wahrheiten angeht. Bei ihrer Forschung begegnet sie ganz unterschiedlichen Menschen der Vergangenheit, und das wiegt den Verzicht auf Gewißheiten allemal auf.