In Blut und Eisen wurzelt ihre wundersame Freundschaft. Er, der chilenische Diktator, half ihr, der britischen Kriegsherrin, 1981 den Kampf um die Falkland-Inseln zu gewinnen. Das hat sie ihm nie vergessen. Daß General Augusto Pinochet während seiner Herrschaft Tausende von Landsleuten umbringen und Zehntausende foltern ließ, hat die Eiserne Lady Margaret Thatcher offensichtlich nicht gestört. Ihr ist es nur peinlich, daß er nun ausgerechnet und immer noch in London wegen seiner Untaten unter Hausarrest festsitzt. Dabei habe er den Chilenen doch die Demokratie zurückgebracht, klagt die Freundin. Und macht dabei vergessen, daß er es war, der sie seinem Land zuvor gewaltsam genommen hatte. Margaret Thatchers historische Ignoranz ist verdächtig. Sie wirft die Frage auf, ob die beiden politischen Rentner noch mehr miteinander verbindet als gemeinsame Teekränzchen, ein paar heikle Geheimnisse vielleicht oder politische Leichen im Keller der Zeitgeschichte?

Vielleicht gründet sich genau darauf die wachsende Hoffnung, daß Pinochet am Ende doch nicht der spanischen Justiz ausgeliefert wird, sondern man ihn nach Chile ziehen läßt. Der Spruch der Londoner Lordrichter, wonach er nur für Taten nach 1988 zur Verantwortung gezogen werden darf, erleichtert dem britischen Innenminister vielleicht die Entscheidung. Schließlich hat die chilenische Regierung beteuert, man wolle Pinochet in Santiago den Prozeß machen. Dann freilich würde die chilenische Demokratie von Pinochets Gnaden, die bislang ihn und seine Spießgesellen vor Strafverfolgung schützt, einer großen Belastungsprobe ausgesetzt sein. Im Dezember sind Wahlen in Chile. Der aussichtsreichste Bewerber für das Präsidentenamt ist der Sozialist Lagos. So sehr es für die Opfer und deren Angehörige eine Genugtuung wäre, Pinochet zur Rechenschaft zu ziehen: Die Vorbereitung eines Prozesses gegen ihn während des Wahlkampfes oder gar eine Verurteilung unter der Regierung eines ersten sozialistischen Präsidenten seit Allende hielte die chilenische Demokratie kaum aus.