Plötzlich steht alles in einem anderen Licht da. Mit ihrer Studie über den Kunsthistoriker und Sammler Aby Warburg hat Charlotte Schoell-Glass dem gesamten kulturwissenschaftlichen Projekt dieses großen Gelehrten ein neues Rückgrat eingezogen. In seiner vielfältigen Arbeit, so ihre These, suchte Warburg "die Antwort auf eine nicht formulierte Frage: Was ist die Ursache des Judenhasses?" Im Kampf gegen den Antisemitismus binden sich sämtliche Aktivitäten Warburgs zusammen; seine heterogene Hinterlassenschaft wird zum komplexen Ganzen.

Es ist kein Werk im traditionellen Sinne, das Warburg der Nachwelt im "Bewußtsein einer Mission" (Gertrud Bing) hinterließ, sondern eine Mixtur aus eigenen Arbeiten, gedruckt und ungedruckt, aus Bibliothek und Archiv, Manuskripten und Zettelkästen. Doch wie liest man dieses "bunte Durcheinander", das sich nicht nach wichtig und unwichtig ordnet, das kein Thema zusammenhält? Charlotte Schoell-Glass hat einen Weg gefunden, indem sie die alles organisierende Frage entdeckte. Sie geht in ihrer Studie nicht von Text zu Text oder von Medium zu Medium. Jedes ihrer Kapitel rekonstruiert vielmehr eine Konstellation, in die Warburg seine Arbeit stellte.

So ist einem Vortragsmanuskript über Dürer und die italienische Antike vom Oktober 1905 im Archiv ein kurze Zeit später erschienener Artikel aus der Frankfurter Zeitung beigegeben, in dem berichtet wird, wie eine junge Lehrerin im Kaukasus von Kosaken mit Hämmern zu Tode geprügelt wurde. "Schlagt die Studenten und Juden tot", hätten die Mörder immer wieder gerufen. Dürers Zeichnung Der Tod des Orpheus, die im Vortrag interpretiert wird und auf der zu sehen ist, wie Orpheus sich vor zwei thrakischen Mänaden duckt, die ihn mit dicken Stöcken erschlagen wollen, rückt dadurch in einen äußerst brisanten politischen Kontext: "Die Rückkehr der ewig gleichen Bestie, gen.: homo sapiens" - so kommentiert Warburg seine Montage. Die Abgründe zwischen Dürers Zeichnung und dem Zeitungsbericht wären diskursiv nicht zu überbrücken gewesen. Warburgs Montage- und Überlieferungstechnik gibt jedem Leser auf, sich dem Schock des Aufeinanderprallens von Dokumenten unterschiedlichster Zeiten und Genres zu stellen, bis die Frage unausweichlich wird, was diese Kontinuitäten über eine Kultur erzählen.

Daß der Kampf gegen den Antisemitismus nie explizites Thema in Warburgs Arbeit ist, verdichtet sich durch Schoell-Glass' präzise Lektüren dieser Collagen zur brisanten politischen Aussage. Wie anhand von Warburgs letzten Arbeiten gezeigt wird, war der "Rassenhaß und -dünkel" am Ende der zwanziger Jahre "das Alltägliche der Juden geworden". Ihm war nicht einfach mit Kritik zu begegnen und schon gar nicht mit pathetischer Anklage. Daß Warburg sein Projekt an die Nachwelt adressierte, kann so gelesen werden, daß zu seiner Zeit das begriffliche Instrumentarium nicht bereitlag, den Ursachen des Antisemitismus auf die Spur zu kommen. Man könnte es auch anders lesen: Warburgs kulturwissenschaftlichem Projekt liegt die bange Vermutung zugrunde, daß alles noch viel schlimmer kommen könnte. Jede "Erklärung" des Antisemitismus wäre, gemessen an den Vorgängen in den zwanziger Jahren, naiv gewesen. Warburg blieb nur, mit "innerlich patriotisch gestimmter verzweifelter Sachlichkeit" - so charakterisierte er Rembrandt, und Charlotte Schoell-Glass liest das als die treffendste Selbstbeschreibung - Bollwerke in Bibliotheken und Archiven zu bauen. In seiner "Büchertrutzburg" wurde zusammengetragen, was spätere Generationen nutzen sollten, um eine Antwort auf die ungestellte Frage zu finden: Was sind die Ursachen des Judenhasses?

Charlotte Schoell-Glass hat in ihrer Studie den Weg gefunden, das kulturwissenschaftliche Projekt Warburgs heute zu lesen. Die Flaschenpost aus dem ersten Drittel des Jahrhunderts ist angekommen, auch wenn es heute die richtigen Adressaten nicht mehr gibt. Für seine Urenkel und Urneffen hatte Warburg in einem Brief an seine Mutter die Utopie entworfen, daß sie "ordentliche" deutsche Professoren werden könnten. Sie könnten sich in irgendwelche Fachfragen vergraben, ohne dabei die "Judenfrage" zu verdrängen. Diese Urenkel gibt es nicht, zumindest nicht in Deutschland. Doch Warburgs Projekt ist uns weiterhin aufgegeben. Keine Antwort auf Warburgs große Frage zu finden, doch verantwortlich mit ihr umzugehen, genau darin liegt das Verdienst von Charlotte Schoell-Glass' Buch. Sie hat ihre Studie analog zu Warburgs Projekt gebaut: konstellieren, Verbindungen herstellen, Abgründe aufzeigen. Deshalb auch ist ihr Buch so gut zu lesen. Sie kann alles in ihrem Text verweben, was andere Forscher über Warburg dachten. Die Frage, die sie in seinem Projekt findet, ist so wichtig, daß akademisches Geplänkel keinen Raum findet.

Charlotte Schoell-Glass: Aby Warburg und der Antisemitismus Kulturwissenschaft als Geistespolitik; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1998; 317 S., 29,90 DM