Gleich mal vorab: Es handelt sich in diesem Fall um Männer. In 99 Prozent der Fälle zumindest. Haben Sie jemals neben einem Mann im Theater gesessen? In der Straßenbahn? Na bitte, dann wissen Sie, wovon die Rede ist.

Also: der Mann. Neben mir in der U 2 Richtung Niendorf. Sitzt, die Aktentasche auf dem Boden vor sich, guckt aus dem Fenster und drückt sein Knie an meines. Nein, nicht was Sie denken. Nicht Leidenschaft ist's, die ihn antreibt, sondern Dreistigkeit. Ungezogenheit. Unverschämtheit. Sitzt da mit gespreizten Beinen, als gehörte ihm der Doppelsitz allein. Gehört ihm aber nicht. Das ist mein Platz, 4,20 Mark habe ich dafür bezahlt.

Männer haben längere Beine als Frauen, mag sein. Was geht mich das an? Er zahlt 84 Mark für Lohengrin, Reihe 19, Platz 4; ich zahle 84 Mark für Reihe 19, Platz 5. Also will ich meinen Platz auch haben. Mitsamt dem für die Beine vorgesehenen Raum. Von der linken bis zur rechten Armlehne. 50 Zentimeter Beinfreiheit. Für mich! Für 84 Mark! Ob ich sie nutze oder nicht. Vielleicht möchte ich ja mal die Beine übereinanderschlagen. Vielleicht sie auch mal eng aneinanderschmiegen. Vielleicht. Für den Rüpel im Nachbarsitz ist dies das Signal: Beine auseinander, das Frauchen nebenan braucht den Platz doch sowieso nicht.

Vielleicht ist es ein Vorteil, daß Theaterstücke so lange dauern. Zeit, sich zu überlegen, wie man es dem Schuft sagen könnte. "Nehmen Sie bitte Ihr Knie aus meinem Stuhlradius!" - Zu hochtrabend. "Sollen wir den Platz tauschen? Dann können Sie bei Ihrem Bein sitzen." Das wird er für einen Witz halten und dümmlich lachen. Nach zwei Stunden gibt es nur noch einen Gedanken: "Saftsack, elender, schieb deine verdammten Knochen da weg, sonst gibt's was auf die Mütze!"

Der Klügere gibt nach - heißt es. Gibt sich kampflos geschlagen, räumt die Armlehne, klemmt die Beine zusammen, hält die Luft an, damit die Herrschaften es nebendran gemütlich haben. Also bin ich wohl dumm. Militant. Männerfeindlich. Von mir aus. Was kann ich dafür? Während andere selig im Theater schlummern, laufen meine Wutrezeptoren auf Hochtouren. Jedesmal wieder. Dann beginnt das Ritual. Schnauben, stöhnen, entrüstet den Kopf schütteln. Das lenkt ab, aber Mann weiß das meist nicht zu deuten. Also den Kopf recken und strecken und einen auffälligen Blick auf sein Knie werfen. Der Kerl glotzt dann auch auf sein Bein, denkt und denkt und denkt. Wenn man Glück hat, zieht er es schmollend zurück.

Aber kaum geht der Vorhang auf, wandern die Knie der Männer wieder los, schieben sich ins Revier ihrer Nachbarinnen. Haben Männer keine Empfindung im Knie? Kein Reflex, kein plötzliches Zurückzucken ("Huch, da ist ja wer"), nein, draufhalten, drandrücken, wegdrängen, fortschieben.

Ehefrauen fügen sich meist willig dem partnerlichen Volumen. Während er in der Bahn ein Bein in den Gang, eines zu ihr rüberstreckt, sitzt sie zusammengefaltet wie ein Umzugskarton am Fenster. Hunde setzen Duftmarken, Männer stecken ihr Revier mit Schenkelkraft ab.